Ein Meteoriteneinschlag in Zeitlupe / Hitzerekorde und Trockenheit

Ein Meteoriteneinschlag in Zeitlupe / Hitzerekorde und Trockenheit
Der Klimawandel geht unaufhörlich weiter / Spitzenwerte bei Temperatur und Sonnenschein / Wasserknappheit hält an

Rheingau. (hhs) — Alljährlich werfen wir an dieser Stelle einen Blick zurück auf die Witterung des Vorjahres. Und wie schon in den vergangenen Jahren zeigen die Daten der Wetterstation Geisenheim, die bis ins Jahr 1884 zurückgehen, für den Rheingau neue Extreme auf.

 

Auch wenn es die Klimaskeptiker wieder beharrlich leugnen werden („Alles schon mal da gewesen“), bleibt doch festzuhalten, dass es seit der letzten Eiszeit vor rund 10.000 Jahren keinen vergleichbaren Zeitraum gegeben hat, in dem es eine ähnlich dramatische und nachhaltige Erwärmung gegeben hat, wie wir sie seit Ende der 1980er Jahren erleben (müssen), das Ganze gepaart mit weiteren Wetterextremen, die in der Natur zu großen Veränderungen führen.

Eine griffige Beschreibung der aktuellen Situation gab der TV-Meteorologe Sven Plöger, als er – unter Anspielung auf das Aussterben der Saurier mutmaßlich nach einer kosmischen Katastrophe – davon sprach, dass die Erde aktuell einen Meteoriteneinschlag in Superzeitlupe erlebt!

Fakt ist – und damit kommen wir zurück in den Rheingau – dass auch 2019 ein Extremjahr war. Besonders in Erinnerung dürften noch die Hitzewerte sein, die in diesem Jahr gleich zwei Mal den Uralt-Temperaturrekord aus dem August 1892 übertrafen, der bei 38,3 Grad lag. Selbst in den Jahren 2015 (38,2), 1921 (37,9), 2003 und 1947 (jeweils 37,8) blieb dieser Wert unerreicht. Doch im vergangenen Jahr wurde er gleich zwei Mal überboten, und zwar deutlich.

Während der ersten Hitzewelle Ende Juni wurde mit 38,7 Grad Celsius der 127 Jahre alte Rekord zum ersten Mal übertroffen, Ende Juli wurden dann sogar 39,4 Grad Celsius erreicht. In Frankfurt wurde an diesem Tag die 40-Grad-Marke überschritten, in den Hochheimer Weinbergen wurden an der Wetterstation der Hochschule Geisenheim gar 41,3 Grad gemessen – ein Wert, der aber nicht in die offizielle Statistik des Deutschen Wetterdienstes eingeht.

Eiswein und Wärme

Wie die Abbildung mit den Jahresmitteltemperaturen zeigt, wurde 2019 zum drittwärmsten Jahr der Geisenheimer Wettergeschichte. Mit ihren exakten, immerhin 135 Jahre zurückreichenden Daten ist die Messreihe eine der längsten in Deutschland. Auch wenn nicht jedes Jahr ein neuer Höchstwert erreicht wird, zeigt die Grafik doch mehr als eindeutig, wohin der Trend geht!

Die Mitteltemperaturen für die einzelnen Monate des vergangenen Jahres zeigt die Grafik mit den Temperaturverhältnissen. Schwarze Säulen stehen dabei für die Durchschnittswerte des Vergleichszeitraums 1981 bis 2010, die roten Säulen für 2019. Die Abbildung zeigt, dass nur der Mai kühler war als der „Normalwert“, ansonsten waren alle anderen Monate – zum Teil deutlich – zu warm. Herausragend waren die drei Sommermonaten Juni bis August, die den Sommer 2019 an die vierte Stelle der Geisenheimer Rangliste rückten. Wärmer waren nur die Sommer 2003, 2018 und 1947.

Für das Gesamtjahr ergab sich eine Durchschnittstemperatur von 11,8 Grad – knapp 2 Grad mehr als der vieljährige Mittelwert. Wärmer war es nur 2018 und 2014.

Und trotz der Top-Platzierung gab es auch eine kurze winterliche Episode. Nach einem unbeständigen und milden Start ins Jahr schwappte in der zweiten Januarhälfte ein Schwung Polarluft in den Rheingau. Nach klaren Nächten sanken die Temperaturen in Geisenheim am 21. und 22. Januar in 2 m Höhe auf Werte um minus 8 °C, in der Traubenzone wurde es noch deutlich kälter. Beste Bedingungen für die Eisweinlese!

Das winterliche Intermezzo währte aber nur kurz, insgesamt fiel der Januar etwas zu warm aus. Überdurchschnittlich warm waren auch die Folgemonate von Februar bis April, so dass die Natur einen Frühstart hinlegte. Anfang April betrug der Vorsprung gegenüber einem „Durchschnittsjahr“ schon rund 10 Tage. Die Kehrseite der Medaille: Die Pflanzen sind dann besonders gefährdet, wenn es – was im April und Mai (Stichwort „Eisheilige“) auch im Zeitalter des Klimawandels nochmals geben kann – einen Spätfrost gibt. Tatsächlich gab es noch bis Mitte Mai einzelne kalte Nächte mit kritischen Temperaturen, doch Winzer und Gärtner kamen mit einem blauen Auge davon.

Und es war Sommer…

Der Mai verlief – nach 13 (!) zu warmen Monaten in Folge – zu kühl (und auch sehr nass). Dadurch kam die Pflanzenentwicklung nur zögerlich voran und fiel bis zum Monatsende auf das vieljährige Mittel zurück. Doch dann kam der Sommer! Schon Anfang Juni wurde die 30-Grad-Marke mehrmals überschritten. Und das war erst der Anfang – wie eingangs aufgezeigt wurde. In den Weinbergen nahm die Vegetationsentwicklung wieder Fahrt auf. Nach einem noch nahezu „durchschnittlichen“ Termin der Rebblüte lag der Reifebeginn rund eine Woche und der Start der Lese fast zwei Wochen vor dem langjährigen Mittel.

Bis zum Jahresende waren alle Monate zu warm, allerdings gab es zwischenzeitlich auch kühle Witterungsabschnitte. Auf einen Wintereinbruch – zumindest was Schnee angeht – warteten die Rheingauer Flachländler vergebens. Immerhin: Im Dezember sanken die Temperaturen an acht Tagen unter den Gefrierpunkt. Die bis zum Redaktionsschluss niedrigste Temperatur des Winters 2019/20 wurde an Silvester mit minus 3,9 Grad Celsius erreicht.

Trockenheit

Auch wenn es nach dem überdurchschnittlich nassen Dezember vielleicht nach einer Entwarnung aussehen mag: Wir befinden uns immer noch in einer ausgeprägten Trockenphase, die Situation ist eher noch schlimmer als 2018. Denn das Defizit, das sich damals im Jahresverlauf aufgebaut hatte, verschärfte sich in 2019 noch weiter. Vier zu nassen Monaten (Januar, April, Mai und Dezember) standen acht Monate gegenüber, in denen es teilweise dramatisch zu trocken war.

Die sehr unterschiedliche Verteilung der Regenmengen zeigt die Grafik mit den Niederschlagsverhältnissen (grüne Säulen). Außergewöhnlich trocken waren Februar und März – zwei Monate, in denen angesichts nur geringer Verdunstungsraten normalerweise die Bodenwasservorräte in tieferen Schichten aufgefüllt werden. Davon konnte in diesem Jahr keine Rede sein.

Oberflächlich entspannte sich die Situation im April und Mai, bevor dann der heiße Juni mit gerade einmal 21 mm Regen viele Pflanzen schon in Bedrängnis brachte. Juli und August brachten dann zwar wieder etwas mehr Regen, doch fiel dieser allzu oft in Form heftiger Schauer, so dass das (über-)lebenswichtige Nass oberflächlich abfloss und den Pflanzen nur in Teilen zugute kam.

In der Summe wurden in Geisenheim im vergangenen Jahr 471 Liter Regen auf den Quadratmeter gemessen, gegenüber 542 mm, die „normalerweise“ zu erwarten gewesen wäre. Das Kuriose dabei: In der Endabrechnung ist das gerade einmal 1 mm mehr als im Jahr 2018. Über die beiden vergangenen Jahre gesehen fehlen damit – im ohnehin schon trockenen Rheingau – 144 Liter Regen. Das sind drei bis vier „Durchschnittsmonate“, wenn man nur die reinen Regenmengen betrachtet. Nimmt man den Fünfjahreszeitraum, beginnend mit dem Trockenjahr 2015 (damals fielen nur 408 mm), fehlen sogar 240 Liter!

Berücksichtigt man dann noch, dass durch die hohen Temperaturen der Wasseranspruch der Pflanzen deutlich erhöht ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass selbst tiefwurzelnde Bäume geschwächt sind und der durch Stürme und – im Fall der Fichten – Borkenkäfer geschwächte Rheingauer Wald in einem sehr schlechten Zustand ist. Erschwerend kommt hinzu, dass durch einen früheren Start des Pflanzenwachstums und die gegenüber den 1980er Jahren um rund drei Wochen verlängerte Vegetationszeit ohnehin schon mehr Wasser verdunstet wird und die Vorräte weiter aufgezehrt werden.

Super-Sonnenjahr

Angesichts der zunehmend mediterranen Wetterverhältnisse verwundert es nicht, dass die Sonne die Erwartungen auch im vergangenen Jahr deutlich übertraf. Zwar wurden die 2110 Stunden aus 2018 nicht erreicht, doch mit 1956 Sonnenscheinstunden wurde auch 2019 das „Soll“ von 1648 Stunden um fast 310 Stunden überschritten – sehr zur Freude der Betreiber von Solaranlagen.

Wie die Sonnenschein-Grafik zeigt (gelbe Säulen für 2019, schwarze für den Durchschnitt), übertrafen von Februar bis September acht Monate in Folge die Erwartungen, wobei die ohnehin schon ertragreichen Monate Juli bis September herausragten.

Geringe Erträge,hohe Qualität

Muss man sich um den Wald in seiner jetzigen Form ernstlich Gedanken machen, kamen die Reben auch in diesem Jahr noch vergleichsweise glimpflich durchs Jahr. Befürchtungen, dass die Hitzerekorde aus Juni und Juli mit ihren Sonnenbrand- bzw. korrekt Überhitzungsschäden nachhaltige Qualitätseinbußen in größerem Ausmaß verursachen würden, bewahrheiteten sich glücklicherweise nicht. Die geschädigten Beeren trockneten ein und fielen zum großen Teil ab, so dass sie keine Auswirkungen auf die Qualität des Ernteguts hatten. Probleme mit der Trockenheit hatten auch im vergangenen Jahr wieder Jungfelder auf leichten Böden, die noch keine tiefen Wurzeln ausgebildet haben und örtlich auch Steillagenweinberge. Bei den jungen Reben war die Entlastung der Rebstöcke durch Abschneiden von Trauben bereits im Sommer oft die einzige Möglichkeit, um sie vor größeren Schäden zu bewahren.

Wenig günstig war das Wetter zur Lesezeit. Denn ausgerechnet mit Beginn der Hauptlese beim Riesling gab es fast täglich Regen. Hatten die Reben zuvor von Wärme und Trockenheit profitiert, die auch die Ausbreitung von Pilzkrankheiten verhindert hatten, führte das feuchte Wetter nun zur schnellen Ausbreitung von Botrytis-Infektionen. Ab der zweiten Oktoberwoche wurden die Erntemengen pro Hektar zusehends geringer.

Glücklicherweise war die Reife der Trauben zu Beginn der Lese schon optimal, so dass nun die Lese sehr zügig erfolgte, um weitere Mengeneinbußen zu vermeiden. Letztendlich konnte eine zwar relativ geringe, dafür aber qualitativ sehr gute Ernte eingebracht werden. Der Jahrgang 2019 verspricht ausgewogene und hochwertige Weine.

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