Neuerungen tun der Frühjahrsversteigerung gut

Neuerungen tun der Frühjahrsversteigerung gut
Gemeinsame Weinauktion der Hessischen Staatsweingüter und des VDP.Rheingau

Durchblick im Durcheinander: Leo Gros in Verhandlungen mit den Weinkommissionären.

Kloster Eberbach. (hhs) — Mit einem Erlös von knapp 188.000 Euro für 6.105 Flaschen endete am vergangenen Samstag die gemeinsame Weinversteigerung der Hessischen Staatsweingüter Kloster Eberbach und der Prädikatsweingüter des VDP.Rheingau. 460 Besucher sorgten für ein ausgebuchtes Laiendormitorium. Zudem wurde die Auktion im Internet gestreamt, so dass weltweit Weinfreunde zuschauen und auch mitsteigern konnten.

Dank mehrerer Großbildschirme und ausgefeilter Tontechnik konnten erstmals alle Besucher alle Details der Auktion in Wort und Bild verfolgen – was der Atmosphäre im lang gezogenen ehemaligen Schlafsaal der Mönche von Kloster Eberbach sicht- und hörbar gut tat.

Obwohl sich die Versteigerung gut vier Stunden hinzog, blieb somit die Aufmerksamkeit bis zum Ende erfreulich hoch. Nachdem Auktionator Professor Leo Gros auch den 41. Wein der langen Liste versteigert hatte, strahlte Dieter Greiner, Geschäftsführer der Staatsweingüter übers ganze Gesicht. „Sehr zufrieden“ sei er. „Die Versteigerung war eine runde Sache, wir hatten ein breites Angebot über alle Qualitätsstufen hinweg und haben sehr gute Preise erzielt“. Und Wilhelm Weil, Präsident des VDP.Rheingau sprach gewohnt sachlich von einer „fairen Veranstaltung mit guten Qualitäten und entsprechenden Erlösen“ für die Winzer.

19 der insgesamt 41 ausgelobten Weine kamen aus dem Keller der Staatsweingüter, 22 von weiteren Mitgliedsbetrieben des VDP.Rheingau. Während von den jüngeren Weinen große Partien mit bis zu 360 Flaschen versteigert wurden (2017er Schlossberg von Schloss Vollrads, der 21 Euro pro Flasche erzielte), waren es bei den älteren Weinen meist Unikate.

Den höchsten Preis erzielte ein 1949er Rauenthaler Baiken Riesling Trockenbeerenauslese, der für den Netto-Preis von 3.600 Euro den Besitzer wechselte. Zweitteuerster Wein war der Benefiz-Wein der Staatsweingüter (1949er Höllenberg, eigener Bericht), bei dem der Hammer bei 3.300 Euro fiel. Auf den dritten Platz kam eine 1959er Auslese aus dem Weingut August Eser aus Oestrich, das für seine beiden 0,375er Flaschen 610 Euro erzielte – auf den Literpreis hochgerechnet waren das stolze 1.627 Euro!

Tausend Prozent Steigerung

Auffällig war, dass viele Winzer ihre Weine auch in Magnum-Flaschen anboten, wobei die doppelt so große Flasche häufig mehr als nur den doppelten Preis erzielte. Besonders begehrt waren ausgefallen große Flaschen. Bestes Beispiel war die „1999er Schloss Johannisberger Riesling Beerenauslese“ in der 6 Liter-Methusalem-Flasche, die 3.000 Euro (500 Euro/Liter) erzielte, während eine – zugegebenermaßen – etwas einfachere Qualität aus dem gleichen Haus aus dem Jahr 1969 (Riesling Spätlese Grünlack) „nur“ umgerechnet 260 Euro pro Liter brachte. Selbst ein Schloss Johannisberger aus dem „Jahrhundert-Jahrgang“ 1959 (Riesling Spätlese Weißlack) kam in der Standardflasche „nur“ auf einen Literpreis von 372 Euro. Auf der „Methusalem-Welle“ schwamm auch das Weingut Balthasar Ress, das für seine 6-Liter-Flasche eines „2016er Hattenheimer Wisselbrunnen Großes Gewächs“ 1.450 Euro bekam. Das größte Aufsehen erregte aber das Weingut Allendorf mit seinem „Goethe-Wein aus dem Brentanohaus“. Ein junger 2017er Riesling, abgefüllt in eine 12 Liter-„Balthazar“-Flasche, kunstvoll mit einem Bild des Dichterfürsten etikettiert, kletterte von den als Taxpreis geforderten 300 Euro auf 3.300 Euro! Eine Steigerung um 1.000 Prozent, 275 Euro pro Liter für einen jungen Wein – ein Preis, der im Publikum neben dem obligatorischen Brötchentüten-Knallen beim Überschreiten der 2.000 und 3.000 Euro-Schwelle für reichlich Diskussion sorgte. Max Schönleber, der seinen Onkel Uli Allendorf auf dem Podium vertrat, kam aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus. Ein Marketing-Gag, der dem Weingut neben dem stolzen Preis auch weitere Aufmerksamkeit in der Weinszene verschaffen dürfte.

Groß denken

Verrückt – wenn auch im preislich kleineren Rahmen: Ein 2016er Spätburgunder aus dem Allendorf-Keller sprang in der 0,75er Flasche von 12 auf 25 Euro (Steigerung um 108 Prozent), der gleiche Wein in der 1,5 Liter-Magnum kletterte von 24 Euro auf 60 Euro (Steigerung um 150 Prozent). Und noch extremer: Eine 2011er Steinberger Auslese der Staatsweingüter erzielte in der Magnum-Flasche (350 statt 150 Euro) eine Steigerung um 133 Prozent. In der kleinen 0,375 Liter-Flasche ging es nur von 35 auf 50 Euro hoch – Steigerung 43 Prozent. Think big!

Weltweit aktiv

Die meisten Weine wurden vor Ort ersteigert. Doch auch aus der Ferne konnten sich Weininteressierte an der Auktion beteiligen. So wurde die Auktion über Facebook gestreamt, und einige der gut 400 Nutzer, die sich zuvor in der geschlossenen Gruppe registriert hatten, boten fleißig mit. Dirk Würtz und Mark Barth fungierten für diese Kunden – „es waren schon deutlich mehr als bei der Premiere im Vorjahr“ – als virtuelle Kommissionäre. Denn nur die Kommissionäre können mitbieten und im Kundenauftrag Weine ersteigern. Abgewickelt wurden die Internet-Aufträge dann genau wie die Käufe vor Ort über einen der Kommissionäre, für den sich Interessenten im Vorfeld hatten entscheiden müssen. Weil die Internet-Teilnehmer die Bilder aus dem Laiendormitorium mit einer Zeitverzögerung von einigen Sekunden sahen, musste Auktionator Leo Gros immer dann mit dem Zuschlag warten, wenn aus den Tiefen des WWW ein Gebot vorlag.

Genussfaktor

Die Kunden aus dem Netz sparten sich die Anreise in den Rheingau und auch den Eintrittspreis von 50 Euro. Dafür kamen sie aber auch nicht in den Genuss der exquisiten Weine. Denn mit Ausnahme einiger Unikate wurden bei der „nassen Versteigerung“ fast alle Weine ausgeschenkt, so dass – unabhängig davon, ob man einen Wein steigern wollte – der Genussfaktor sehr hoch war. Leo Gros hatte das zu Beginn der Auktion so umschrieben: „Mit unseren gut 3.000 ha sind wir in der Weinwelt quantitativ ein Nichts. Aber was die Qualität angeht, sind wir im Rheingau hervorragend aufgestellt“.

Dass mit dem Kartenverkauf nicht viel zu verdienen ist, ficht die Verantwortlichen vom VDP.Rheingau nicht an. Weil für jeden Wein, der ausgeschenkt wird, bis zu 12 Flaschen geopfert werden, ist der Kosteneinsatz sehr hoch. Deshalb wird die Versteigerung – die seit einigen Jahren auch von HB Ullrichs „Rheingau Gourmet und Weinfestival“ vermarktet wird – schon lange eher unter dem Posten Marketing verbucht denn als Gewinnfaktor.

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