Rolle öffentlicher Bibliotheken in der Gesellschaft

Horst Falker erläutert die neue Serie über die Vorstellung von acht Rheingauer Büchereien

Rheingau. – Das „Rheingau-Echo“ gibt in einer Artikel-Serie, die im 14tägigen Rhythmus erscheinen wird, acht Rheingauer Büchereien die Gelegenheit, sich in Wort und Bild auf einer ganzen Seite mit ihren jeweiligen Angeboten und Dienstleistungen näher zu präsentieren. Zur Einführung in dieses Thema skizziert der langjährige Leiter der Stadtbücherei Geisenheim, Horst Falker, den Strukturwandel und die Funktionen, denen sich öffentliche Bibliotheken in der heutigen digitalen Welt stellen müssen.

Öffentliche Büchereien in kommunaler oder kirchlicher Trägerschaft stehen in unserer multikulturellen und digitalisierten Welt heutzutage vor großen Herausforderungen, was einen radikalen Wandel ihrer Aufgabengebiete mit sich bringt. Veränderungen der Arbeitswelt, des Freizeit- und Leseverhaltens durch neue Technologien und der wachsende Einfluss von elektronischen und audiovisuellen Medien schaffen veränderte Rahmenbedingungen für die Bibliotheksarbeit.

Lesen ist die Grundvoraussetzung aller Bildungsprozesse und der Schlüssel zur Kultur. Für die Teilhabe in der digitalen Gesellschaft ist Lesefähigkeit zentral und muss entsprechend gefördert werden. Bibliotheken sind hierfür unverzichtbar, weil sie neben Kitas, allgemeinbildenden Schulen und Volkshochschulen die zentralen Plattformen für Leseförderung bieten.

Kinder brauchen Bücher, zunächst Bilderbücher, dann Lesebilderbücher, um sich ein Bild von der Welt machen zu können. Im lustvollen Erkennen und Wiedererkennen von Gegenständen und Wörtern kann sich bereits beim Kleinstkind der Keim einer späteren und dauerhaften Lesefreude und eines Lesebedürfnisses entwickeln.

Für die Lesesozialisation eines Kindes, für die zunächst Familie, Kindergarten und Schule zuständig sind, leisten die Medienangebote von Büchereien einen maßgeblichen Beitrag. Gerade weil in unserem multimedialen Zeitalter aufgrund der zunehmenden Nutzung von Fernsehen, Computer, Videos und Handys die Reizüberflutung durch Bilder scheinbar vorherrscht, bleiben Lesefähigkeit und Schreibfertigkeit die entscheidenden Basisqualifikationen für jeden Einzelnen in unserer Gesellschaft.

Aktuelle Bildungsstudien belegen in Deutschland weiterhin akuten Handlungsbedarf bei der Leseförderung. Zu viele Kinder lernen zu schlecht lesen, was sowohl ihren schulischen als auch ihren beruflichen Erfolg gefährdet und damit ihre Chance auf persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Mitwirkung. Aufgrund mangelnder Förderung im Kindesalter verfügen auch viele Erwachsene über keine oder nur eingeschränkte Lesekompetenz. Die Zahl der »funktionalen Analphabeten« liegt selbst in einer Kulturnation wie Deutschland erschreckend hoch bei gegenwärtig 6,2 Mio. Menschen. Hierbei handelt es sich um Personen, die nicht in der Lage sind, aus einem einfachen Text eine oder mehrere direkt enthaltene Informationen sinnerfassend zu lesen.

Als Kooperationspartner unterstützen Bibliotheken die formalen Bildungsein-richtungen mit begleitendenAngeboten, fördern das Lesen in vielfältigen Veranstaltungen ab dem Kleinkindalter und machendarüber hinaus allen Bürgerinnen und Bürgern Bücher und digitale Lesemedien zugänglich.Mit freier Informationsversorgung, kompetenter Wissensvermittlung, Maßnahmen zur Leseförderung und Schulung der Medienkompetenz nehmen Büchereien eine wichtige Bildungsfunktion wahr.

Bibliotheken sind sowohl nicht-kommerzielle »Dritte Orte« für Begegnung und Integration als auch Räume, in denen gesellschaftliche Partizipation gelebt wird.

Sie fördern Diskussionskultur und treten aktiv für eine offene und pluralistische Gesellschaft ein, was ihre politische Funktion ausmacht. Als öffentliche Treffpunkte tragen Büchereien zur gesellschaftlichen Teilhabe bei und üben aufgrund des freien Zugangs für jedermann eine Gemeinsinn stiftende Wirkung aus. Sie sind Orte der Begegnung für eine starke Demokratie.

Mit der informellen Grundversorgung zum Zwecke der Fort- und Weiterbildung sowie dem breiten Medienangebot zu Unterhaltungszwecken und zur Freizeitgestaltung leisten Bibliotheken eine soziale Funktion für ihre Kunden. Vielfältige Ratgeber-literatur unterstützt ihre Leser bei der Alltagsbewältigung und schafft durch fremd- oder mehrsprachige Werke sowie Bücher in einfacher Sprache einen Beitrag zur Inklusion von Migranten und Minderheiten.

Die aktuelle Corona-Krise hatauf vielen Gebieten einen dringend notwendigen Digitalisierungsschub ausgelöst.Vor allem im Bereich der digitalen Bildung wurden durch die Krise deutliche Defizite sichtbar. Dazu bedarfes künftig zusätzlicher Investitionen in die digitale Ausstattung vonBibliotheken mit Hard- und Software für das E-Learning und die damit verbundene Technik. Dieser kostenintensive Ausbauschritt wird in den nächsten Jahren zunächst Großstadtbibliotheken, Universitätsbibliotheken sowie Medien- und Schulzentren vorbehalten bleiben.

Die acht in der Serie sich präsentierenden Rheingauer Bibliotheken arbeiten für ihr Publikum an gleichen Zielen wie Medienversorgung, Informationsvermittlung und Leseförderung, unterscheiden sich aber in den finanziellen Voraussetzungen, die der jeweilige Träger, ob Kommune, Kirche oder Förderverein, aufbringen muss. So gibt es hauptamtlich (Walluf, Eltville, Geisenheim) und ehrenamtlich betriebene Büchereien (Kiedrich, Martinsthal, Oestrich-Winkel, Rüdesheim), die was Gebäude, Personal und Ausstattung anbelangt, jeweils anders aufgestellt sind. Im Rahmen dieser Artikel-Serie soll die Wichtigkeit jeder einzelnen Einrichtung der Literaturversorgung im ländlichen Raum ausdrücklich hervorgehoben werden.

Überhaupt ist der Rheingau-Taunus in Sachen Literaturvermittlung im hessenweiten Vergleich gut aufgestellt. Beispielhafte Arbeit leistet seit Jahren das Netzwerk Leseförderung Rheingau-Taunus e.V. mit dem herbstlichen Lesefest-Programm an allen Orten des Landkreises, das federführend von der Kulturbeauftragten Sabine Stemmler-Heß organisiert wird. Darüber hinaus macht seit einem Jahr die Kreis-Onleihe allen Bewohnern der Region den kostenlosen Zugang zum Onleihe-Verbund Hessen e.V. zur Nutzung von e-Books, e-Audios und e-Papers möglich.

Schließen möchte ich die Ausführungen zur Rolle öffentlicher Bibliotheken in der Gesellschaft mit einem Sinngedicht an den Leser aus der Feder von Gotthold Ephraim Lessing, dem Dichter und Dramatiker der Aufklärung, der zeitweise auch als Bibliothekar in Wolfenbüttel gewirkt hat, das da lautet: „Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? – Nein. / Wir wollen weniger erhoben, / und fleißiger gelesen sein.“

In diesem Sinne: Nutzen Sie die Medienangebote und die Veranstaltungen der acht Rheingauer Bibliotheken, die sich in den nächsten Wochen und Monaten in der Artikel-Serie vorstellen. Sie werden erkennen: Lesen macht das Leben bunt.

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