„Die VdP-Betriebe hat es besonders getroffen“

Rheingauer Weinbauverband und Hochschule Geisenheim zu den Folgen von Corona

Sehr unterschiedlich entwickelten sich die Absatzzahlen im 2. Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Während der Online-Handel boomte, und es auch beim Lebensmitteleinzelhandel (LEH) Zuwächse gab, brachen Fachhandel (FH) und Gastronomie (Gastro) ein. (Quelle: Hochschule Geisenheim University).

Rheingau. (hhs) — Auf ein schwieriges Jahr blicken die Rheingauer Weingüter zurück. Anlässlich der Herbstbilanz des Rheingauer Weinbauverbands gab Prof. Dr. Simone Loose von der Hochschule Geisenheim einen Überblick über die Auswirkungen von Corona auf die wirtschaftliche Situation.

 

Simone Loose, die der Konferenz online zugeschaltet war, ist Leiterin des Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft und hat mit ihrem Team die Entwicklung in der Winzerschaft detailliert verfolgt. Ihr Fazit: „Corona bescherte uns ein außergewöhnliches Jahr mit tiefgreifendem Einfluss auf den Verkauf. Dabei lagen viel Leid und viel Glück eng beieinander.“

Sie begründete diese auf den ersten Blick widersprüchliche Bilanz mit einer Analyse ihrer Umfrageergebnisse während der Corona-Zeit, die sie mit den Zahlen des Vorjahres verglich. Grundsätzlich positiv für die Weinwirtschaft war, dass in Corona-Zeiten generell eher mehr Wein getrunken wurde. Dies aber an anderen Orten als zuvor gewohnt. Loose: „Der Absatz an Endverbraucher lief und läuft noch immer gut. Aber der Weinkonsum hat sich in die eigenen vier Wände verlagert.“ Damit einhergehend habe es auch eine Veränderung der Absatzwege gegeben. Gewinner seien der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und der Online-Vertrieb. Und daraus ergab sich auch die These vom Leid und vom Glück, die nahe beieinander lagen. Denn gerade im LEH seien die Betriebe unterschiedlich stark vertreten. „Im LEH sind viele Kellereien und Genossenschaften gelistet. Für die war es fast wie ein vorgezogenes Weihnachtsgeschäft.“ Demgegenüber habe sich für andere Weingüter Corona „fast wie eine Naturkatastrophe“ dargestellt. Besonders betroffen waren laut Simone Loose die Betriebe des VdP, die in der gehobenen Gastronomie vertreten waren.

„Die Gastronomie war lange geschlossen, danach konzentriert sich der der Betrieb auf den Außenbereich.“ Auch nach den Lockerungen seien Kunden wie Gäste weiterhin vorsichtig gewesen. „In Anbetracht der unsicheren Lage“, so die Betriebswirtschaftlerin „legen sich Gastronomie und Hotels auch jetzt noch keine Vorräte in den Keller, die das knappe Kapital binden.“

Zu den „wertigen Vertriebskanälen“ zählte Simone Loose auch den ebenfalls von Absatzeinbrüchen gebeutelten Weinfachhandel oder die Duty-Free-Shops an Flughäfen – dort ging nach dem Lockdown gar nichts mehr. Generell habe auch der Export stark gelitten, zumal dank Donald Trumps Strafzöllen der Absatz in die USA schon zuvor zurückgegangen war.

Einige Betriebe drängten nun in den LEH und träten in Konkurrenz zu den bisher gelisteten Betrieben. „Dort wird der Platz im Regal enger“, und der Handel dürfte seine gestärkte Marktposition bei Preisverhandlungen ausspielen.

Online-Handel zwiespältig

Ein Ausweg war für viele Betriebe der online-Handel. Eindeutig im Vorteil waren dabei jene Betriebe, die schon vor Corona auf diese Vertriebsschiene gesetzt hatten – und zwar möglichst im Direktvertrieb mit eigenen Online-Shops und auf eigene Rechnung. Denn, so Simone Loose: „Für diejenigen, die ihre Weine über die großen Online-Händler vermarkten, bleibt wegen der hohen Margen der Händler wenig hängen.“ Bei den aus dem Boden gestampften Online-Weinproben sieht die Betriebswirtschaftlerin eine Sättigung erreicht. „Nach den vielen beruflichen Online-Konferenzen haben die Leute genug davon.“

Hinsichtlich des Exports sieht Prof. Dr. Loose die deutschen Winzer insgesamt „mit einem blauen Auge davon gekommen“. Allerdings sei Deutschland – gemessen an den südeuropäischen Ländern – in diesem Bereich vergleichsweise schwächer vertreten. Frankreich, Spanien und Italien seien wesentlich stärker betroffen. Als Notmaßnahme habe die Europäische Union durch Stützungsmaßnahmen rund 10 Mio. Hektoliter vom Markt genommen – das entspricht in etwa der jährlichen Durchschnittsernte in Deutschland.

Was die Reaktionen der Betriebe angeht, hat Looses Team eine anfängliche „Schockstarre“ registriert. Danach sei es primär darum gegangen, angesichts der unsicheren Einnahmeentwicklung Kosten zu vermeiden oder zu reduzieren und Investitionen zurückzustellen. Beispielsweise seien als schnelle Reaktion anstehende Abfüllungen hinausgeschoben worden. Die Arbeit im Außenbetrieb sei naturgemäß unverändert weitergelaufen, so dass es kaum zu Entlassungen gekommen sei. Allerdings seien in manchen Bereichen vermehrt Überstunden abgebaut und die Möglichkeit von Kurzarbeit genutzt worden. Insgesamt bessere sich die Stimmung langsam wieder. Hinter der Entwicklung in der Gastronomie sieht Simone Loose ein großes Fragezeichen. Man müsse davon ausgehen, dass es noch auf Jahre Verhaltensbeschränkungen geben werde, fürchtet die Professorin.

Weintourismus

Hinterfragt hat Looses Institut auch die Folgen von Corona auf den Weintourismus. Hier habe es in allen deutschen Weinanbaugebieten Verluste gegeben – mit Ausnahme von Mosel und Ahr. Im Rheingau schlage vor allem der Rückgang in Rüdesheim voll durch. Es kamen weniger Busreisende und Schiffstouristen. In diesen Gruppen gebe es überdurchschnittlich viele Rentner. Und diese seien besonders vorsichtig gewesen und – auch auf Empfehlung der Politik – zuhause geblieben. Positiv wertete Dr. Loose, dass mehr junge Leute in den Rheingau gekommen seien. „Das ist eine interessante Zielgruppe, deren Betreuung eine Investition in die Zukunft ist.“

Weinbaupräsident Peter Seyffardt bestätigte Looses Ausführung mit der Einschätzung des Weinbauverbandes. Sehr bedauerlich sei der Ausfall der üblicherweise vom Verband organisierten Weinfeste gewesen. Auch er sah dabei eine ungleiche Verteilung: „Der Ausfall traf besonders die Betriebe, die sich auf Weinfeste als Hauptvermarktungsschiene spezialisiert haben.“ Geholfen habe die frühe Öffnung der Weinstände am Rhein, wobei der Weinbauverband in engem Kontakt mit den jeweiligen Aufsichtsbehörden gestanden habe. Insgesamt ist Seyffardt optimistisch: „Ich sehe den Weinbau gefestigt, wir schlittern nicht in eine große Krise.“

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