„Sie waren der Beste, aber es gibt viele Gute“

„Sie waren der Beste, aber es gibt viele Gute“
Literatur: Andreas Berg erhielt den Kulturpreis des Rheingau-Taunus-Kreises

Gruppenfoto der Mitglieder der Jury für die Findung des Kulturpreisträgers des Rheingau-Taunus-Kreises 2019.

Rheingau. (mh) – „Der Kulturfonds Rheingau-Taunus e.V. verleiht den Kulturpreis 2019 des Rheingau-Taunus-Kreises in der Sparte Literatur an Andreas Berg, Walluf, in Anerkennung hervorragender Leistungen“, lautete der Text der Urkunde, den Landrat und Erster Vorsitzender Frank Kilian dem Preisträger am vergangenen Donnerstag im Vereinshaus Niederwalluf überreichte. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert.

 

In seiner Begrüßung in Vertretung von Bürgermeister Manfred Kohl in die Feierstunde einleitend freute sich Erster Beigeordneter Randolf Heß, dass der Kulturpreis in der Sparte Literatur nach Walluf geht. Nachdrücklich wies er darauf hin, dass Autorinnen und Autoren im Gegensatz zu anderen Menschen ihre Gedanken und Gefühle annehmen, in Worte fassen und sie für die Allgemeinheit erlebbar machen. Dieser eröffneten sie Welten und helfen nicht selten, „uns selbst und die Welt, in der wir leben, besser wahrzunehmen und besser zu verstehen“. Ein solcher Autor lebe in Walluf und habe die Fachjury überzeugt.

Literarischer Genuss, Bildung und kulturelle Teilhabe habe sich Walluf, so Heß, mit dem neuen Konzept der Gemeindebücherei mit dem Ziel verschrieben, dass auch zukünftige Generationen die Texte der Kulturpreisträger verstehen und genießen können. Davon könnten sich anschließend an die Preisverleihung überzeugen.

„Wie sehe eine Welt ohne Bücher aus“ stellte Kilian in seinem Grußwort die Frage und lieferte mit den Worten „Bücher geben uns so unendlich viel“ gleich die Antwort mit. Deshalb sei der Rheingau-Taunus-Kreis, insbesondere mit dem von Sabine Stemmler-Heß initiierten Lesefest, auch so engagiert in der Leseförderung. Schließlich sei Lesekompetenz ein wichtiger Faktor für die weitere Entwicklung jedes einzelnen Menschen.

Schaue man sich die seit der Erfindung des Buchdrucks entstandenen Milliarden von Büchern der unterschiedlichsten Genres an, könne man feststellen, „dass die Bindung zur Literatur unzerstörbar ist. Wer in die größeren oder auch kleineren Buchhandlungen der Region schaue erkenne schnell, dass Bücher Jung und Alt begeistern.

Da hinter vielen Neuerscheinungen oft eine unbekannte Autorin oder Autor stecke, sei es wichtig, dass es mit dem Kulturpreis des Rheingau-Taunus-Kreises Prämierungen, wie die heutige, gibt. Der Preis werde seit 1994 jährlich in den Sparten „Darstellende Kunst“, „Musik/Instrumental“, „Bildende Kunst“, „Literatur“ sowie „Musik/Gesang“ verliehen.

Für den Kulturpreis 2019 lagen uns, so Kilian, 15 Vorschläge vor. Er sei der Jury, bestehend aus Heike Leneke, Lothar Wiesemann, Jürgen Dusch, Sascha Kircher und Christoph Zehler sehr dankbar, „dass sie in einer äußerst intensiven, kontroversen und jederzeit fachlich fundierten Diskussion sich für Andreas Berg entschieden haben. Damit sei er der beste unter den vielen guten Bewerbern.

Den Jury-Mitgliedern Jürgen Dusch, ehemaliger Kulturreferent der Landeshauptstadt Wiesbaden und Sascha Kircher, Leiter der Rheingau-Redaktion des Wiesbadener Kurier bereitete es sichtlich Freude, mit einer Prise Humor gewürzte im Zwiegespräch das Werk von Andreas Berg und seine Persönlichkeit zu würden. Darin zitierten sie, sehr zur Freude aller Anwesenden, immer wieder kurze markante Passagen aus seinen Gedichten und Romanen.

Der Preisträger ist, wie die Juroren betonten, als einziger der Bewerber in der Lyrik und Prosa zu Hause. Er sei ein Sprachbeobachter, der linguistische Verknotungen, sprachliche Hohlformen und Schönwettervokabeln aufdeckt und dies oft auf eine humorvolle, freche Art, die Schmunzeln lasse. Fazit: „Berg schreibt gut“!

Er benutze Perspektivwechsel, indem er Gegenwart und Vergangenheit genau beschreibt. Berg erhalte den Kulturpreis auch für den Ansatz, jüdische Kultur im Kontext zum Christentum, genauer: Zum katholischen Glauben, verständlicher zu machen. Dafür stehen in seinem Roman, so die Juroren, „Schabbat Schalom an der Seine – Rückblende einer verpassten Liebe“ und die Erzählung „Jerusalemblues“ mit der gleichnamigen lyrischen Abhandlung.

Als vielseitigen Autor sei Berg in verschiedenen Genres zu Hause. Dazu zählten Kolumnen, Dokumentationen, Radio-Features und TV Produktionen. 2002 sei er mit dem Kulturpreis „Madamer Krab“ für Recherchen zum frühen deutschen Film ausgezeichnet worden. Berg sei der Idealfall eines Preisträgers, eine hochkarätige Stimme abseits des Mainstream mit einer thematisch weit gefassten Veröffentlichungsliste, „denn seine Literatur öffnet den Blick“.

Wie die Gäste erfuhren, ist Andreas Georg Samuel Berg 1959 in Wiesbaden geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Mainz. Er wohne seit 33 in Walluf, dort, wie er sagt: „Wohin mich die Liebe entführt hat“. Der Ehe entstammen zwei Kinder. Als Wein- und Rheingaufreund lebe er sehr gerne in Walluf.

Gedichte schreibe Berg seit seinem 17. Lebensjahr. 1979 habe er als Pianist die Gruppe „Lyrik und Musik“ gegründet. 1980 seien vier Lyrikbände erschienen. Nach einer längeren Veröffentlichungspause 2015 sei seine Erzählung „Jerusalemblues“ oder „Wie durch ein verstimmtes Klavier in einer Wohnung in Haifa ein Gedicht entstand“ veröffentlicht worden.

Ebenfalls 2015 sei sein erster Roman „Schabbat Schalom an der Seine – Rückblende einer verpassten Liebe“ erschienen, der dem Leser Einblicke in die jüdische Geistesgeschichte und Kultur gebe. Ferner enthalte er eine atmosphärische Beschreibung des jüdischen Viertels Marais, das „Klein-Jerusalem“ an der Seine.

Derzeit schreibt Berg, „der Klavier spielende, Gedichte schreibende Fan expressionistischer Lyrik, der sich dazu berufen fühlt, das Paradies auf die Erde zu holen“, so die Juroren abschließend, an einer Novelle mit dem Titel „Sommer 1934 oder wie der der Führer meine erste Liebe ausspannte“. Da ein Kollege aus der Redaktion ihn in seinen Lokalkrimis als literarische Figur verewigt, sei Berg schließlich selbst Literatur geworden.

Es ist mir, wie Berg in seiner Dankesrede betonte, „eine Ehre, hier und heute für mein literarisches Schaffen mit einem Preisgeld ausgezeichnet zu werden. Für einen freischaffenden Schriftsteller sei dieses Geld zum nackten Überleben sehr wichtig. Selbst äußerste bekannte Dichterinnen und Dichter kämpften heute oft mit dem wirtschaftlichen Überleben.

Obwohl er im Rheingau seit über 30 Jahren lebe, sei es nach dem Erscheinen seines Romans nicht ganz einfach, hier literarisch wahrgenommen zu werden. Erklärbar sei dies durch seine Tätigkeit als Fernsehjournalist, denn dadurch sei er auf der anderen Rheinseite mehr präsent und bekannt.

Für ihn, der mit einem gut ernährenden Brotberuf gesegnet ist, sei Schreiben eine große Liebe und Berufung, „die durch meinen zwar schöne, aber sehr zeitaufwendige Tätigkeit beim Pantoffelkino immer etwas zu kurz gekommen ist“.

Umso wichtiger sei es für ihn, „dass ein lebensnotwendiger und unverzichtbarer Bestandteil meines Daseins nach langer Zeit auch wieder eine Würdigung erfährt. Literaturpreise seien für alle Schreibenden wichtig. Sie lenkten die Aufmerksamkeit auf Autoren und ihr Schaffen, was in der Zeit schwindender Leser und viele Ablenkungen durch die digitale Welt wichtig sei. Deshalb sei er sehr glücklich und fühle sich mit der Verleihung des Kulturpreises sehr geehrt.

Nach dem Vortrag eines Gedichts über den Wolf war es im Saal mucksmäuschen still, denn der Preisträger rezitierte längere Passagen aus „Jerusalemblues“. Dabei begleitete ihn Steph Winzen auf dem Saxophon. Sie hatte die Feierstunde musikalisch umrahmt.

Anschließend begaben sich alle Anwesenden in das Erdgeschoss und in die Schiffchenbibliothek, um bei leckeren lukullischen Köstlichkeiten, unterhaltsamer Musik und anregenden Gesprächen die Feierstunde ausklingen zu lassen.

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