Wegfall der Priorisierung bei langen Wartelisten

Zugleich gibt Hessen die Schließung der Impfzentren zum 30. September bekannt

Professor Freisheimer gewährte einen Blick in einen der Kühlschränke des Eltviller Impfzentrums, wo bisher nicht ausreichend Impfstoff vorhanden war, um die Kapazitäten des Impfzentrums auszuschöpfen. Ob es im dritten Quartal noch besser wird?

Seit am Montag die Impfpriorisierung bundesweit aufgehoben wurde, können sich auch alle hessischen Impfwilligen ab 16 Jahren für die Schutzimpfung gegen das Corona-Virus beim Land Hessen online oder telefonisch registrieren. „Eine Priorisierung aus Gründen des Alters, des Berufs oder des Gesundheitszustands erfolgt bei der Vergabe von Terminangeboten durch das Land in den 28 hessischen Impfzentren nicht mehr“, teilt das Hessische Innenministerium mit. Bereits in den ersten zweieinhalb Stunden hatten sich am Montag 50.000 Impfwillige telefonisch oder über das Anmeldeportal www.impfterminservice.hessen.de angemeldet. Alle Angehörigen der bisherigen Priorisierungsgruppen 1 bis 3, die sich bis einschließlich 6. Juni beim Land registriert hatten, sollen aber weiterhin bevorzugt Terminangebote für ihre Impfung im jeweils örtlichen Impfzentrum erhalten. „Aktuell warten aus dieser Personengruppe noch rund 486.000 Personen auf einen Impftermin“, heißt es in der Pressemitteilung aus dem Hessischen Innenministerium.

Eine aktuelle Zahl für den Rheingau-Taunus-Kreis war bis Redaktionsschluss nicht zu erfahren. Laut dem letzten veröffentlichten „Impfmonitor Hessen“ vom 28. Mai warteten noch 17.456 Personen der Priorisierungsgruppen 1 bis 3 auf einen bereits genannten Impftermin. Weitere 20.279 Personen der Gruppe 3 waren registriert, hatten aber noch keinen Termin erhalten. Wenn in Hessen die vor dem Stichtag registrierten Angehörigen der Priorisierungsgruppen 1 bis 3 ihre Termine erhalten haben, sollen die Impftermine unter den ab dem 7. Juni Registrierten nach dem Zufallsprinzip zugewiesen werden, sobald weitere Impfstoffe zur Verfügung stehen.

Das Innenministerium weist darauf hin, dass der Impfstoff von Biontech zwar ab dem 12. Lebensjahr europaweit zugelassen ist, da aber eine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut (STIKO) noch aussteht, können sich für Impfungen in den Impfzentren zunächst nur Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr registrieren. Mit der Aufhebung der Priorisierung können Impftermine für Schülerinnen und Schüler nun bei den Kinder- und Jugendärzten sowie den Hausärzten vereinbart werden. Da der Bund nunmehr den Ländern mitgeteilt habe, dass ein Sonderkontingent für die Umsetzung einer gesonderten Schüler-Impfaktion – entgegen erster Ankündigungen – nicht bereitgestellt werden könne, werde es eine solche Schüler-Impfaktion in den Impfzentren zunächst nicht geben können, stellte das Innenministerium klar.

Auch bei den Hausarztpraxen im Rheingau macht sich der Wegfall der Impfpriorisierung deutlich bemerkbar, wie die Nachfrage in drei Praxen ergeben hat. „Die Aufhebung der Priorisierung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die meisten Ärzte noch nicht die große Anzahl der Patienten mit Vorerkrankungen aus den Priorisierungsgruppen 1 bis 3 geimpft haben. Auch bei uns ist das so“, sagt Dr. Stephanie Gärtner aus Erbach. „Aufgrund der kleinen Impfstoffliefermengen warten leider noch viele Patienten auf ihre Impfung. Wir werden zunächst unsere Liste der priorisierten Patienten abarbeiten, bevor wir weitere Impfungen planen können.“

„Die Aufhebung der Priorisierung und die Ankündigung, dass Jugendliche mit Biontech geimpft werden können, führt natürlich zu einem erneuten Patientenansturm“, antwortet Dr. Ursula Immesberger aus Eltville. „Zahlreiche Anfragen erreichen uns per Mail oder Telefon. Dies ist schwierig, da so der ‚normale‘ Anruf erschwert wird.“ Nach wie vor sei die Liste der Menschen mit „Prio 3“ lang, sodass derzeit keine zusätzlichen Impftermine vergeben werden könnten. „Wir können lediglich eine Warteliste führen. Momentan erhalten wir Biontech fast nur noch für die einbestellten Zweitimpfungen; es steht hier wenig Impfstoff zur Verfügung.“ Derzeit werde eher der Impfstoff von Johnson & Johnson geliefert. Dies den Patienten verständlich zu machen, koste teilweise viel Zeit, denn in den Medien würden sie anderes erfahren. Es wäre sicher einfacher, wenn die Impfzentren besser mit Impfdosen ausgestattet würden, meint Ursula Immesberger. „Dann wären unsere Listen nicht so lang“. Viele Menschen würden sich in allen möglichen Praxen anmelden, hierdurch werde der organisatorische Aufwand immer mehr. „Viele Patienten sind, bis wir sie anrufen, bereits irgendwo geimpft und haben vergessen abzusagen.“

Impf-Überstunden

Dass sich seit Montag etwas geändert hat, dass der Andrang noch größer geworden ist und das Telefon nicht stillsteht, hat auch Dr. Karin Kurreck in ihrer Rüdesheimer Praxis festgestellt. „Es wollen sich viel mehr Menschen auf die Warteliste setzen lassen als bisher“, erklärt sie. Das sei schwierig in Anbetracht der Tatsache, dass noch über 250 Menschen mit Priorität 3 auf der Impfliste seien, und wöchentlich nur um die 50 bis 70 Impfdosen geliefert würden, die teilweise auch für die anstehenden Zweitimpfdosen verwendet werden müssten. „Eine supergute Alternative stellt daher das Vakzin von Johnson & Johnson dar, das nur einmal verabreicht werden muss“, lobt sie. „Durch die mediale Berichterstattung ist dieses allerdings auch mit einem schlechten Ruf versehen und stößt zu Unrecht bei vielen Patienten auf Ablehnung.“

Seit Montag rufen auch viele Eltern an und wollen ihre über zwölf Jahre alten Kinder impfen lassen. „Das Problem daran ist, dass es laut STIKO, RKI, und kassenärztlicher Vereinigung Hessen noch keine ausgesprochene Empfehlung gibt, die das grundsätzliche Impfen gegen Corona für 12- bis 16-Jährige befürwortet.“ Das sei etwas anderes bei über zwölfjährigen Kindern, die aufgrund einer Erkrankung oder dem Zusammenleben mit anderen vulnerablen Personengruppen stark gefährdet seien. „Bei allen anderen, insbesondere jenen, deren Eltern nur wieder freier in den Urlaub fahren wollen, ist die Nutzen-Risiko-Abwägung nicht abschließend geklärt“, gibt Karin Kurreck zu bedenken. „Zumal auch nicht genug Impfstoff da ist, um die wirklich wichtigen und vulnerablen, stark gefährdeten Personengruppen ausreichend zu schützen. Daher ist es aktuell nicht möglich flächendeckend Kinder zu impfen.“ Vermutlich werde dies auch nicht nötig sein, da der Nutzen der Impfung gegebenenfalls nicht das Risiko einer Infektion überwiege.

„Zudem wissen wir leider nicht, wie unsere Mitarbeiterinnen ihre Überstunden abbauen sollen“, ist eine weitere Sorge von Dr. Kurreck. „Je nachdem, wie viel Impfstoff wir wöchentlich bekommen, kann es zu ein bis drei reinen ‚Impf-Nachmittagen‘ kommen – und das sind natürlich Überstunden. Wöchentlich werden dementsprechend rund zehn bis 20 Überstunden gemacht, allein durch das Ausführen des Impfens.“ Das Bestellen des Impfstoffs und die Abwicklung mit der Central-Apotheke, mit der es eine zuverlässige Zusammenarbeit gebe, das Einbestellen der Patienten, das Ausdrucken und Übergeben der Impfunterlagen, die tägliche Schnell-Doku, das Abrechnen, und die Handhabung der Impfstoffe seien da noch nicht mit einberechnet. „Daher sehe ich es kritisch, mehr Impfstoff für die Hausärzte zu verlangen – das ist zwar eine schöne Idealvorstellung und wir würden alle impfwilligen Patienten gerne sofort impfen.“ Von Montag 8 bis Freitag 20 Uhr zu impfen, sei aber leider nicht möglich. „Hausärzte sollen ja eigentlich die wirklich super organisierten und extra dafür angelegten Impfzentren nur unterstützen“, betont Dr. Karin Kurreck. „Wir haben auch noch weitere Patienten, die gerne versorgt werden möchten mit anderen Anliegen als Corona.“

„Ärmel hochkrempeln?“

In gut drei Monaten könnte noch mehr Arbeit auf die Arztpraxen zukommen, denn wie Innenminister Peter Beuth und Gesundheitsminister Kai Klose nun bekanntgegeben haben, sollen die 28 hessischen Impfzentren bis maximal zum 30. September 2021 betrieben werden. Derzeit ist noch nicht abzusehen, wie viele Impfwillige bis dahin noch auf Wartelisten stehen. Vor drei Wochen hatte der Pressesprecher des Rheingau-Taunus-Kreises, Dr. Christoph Zehler, bereits auf eine Anfrage des Rheingau Echos geantwortet, dass die Finanzierungszusage an den Rheingau-Taunus-Kreis für das Impfzentrum Eltville auch bis 30. September gelte. Der Kreis habe mit dem Betreiber Ecolog zunächst vertragliche Fristen bis 22. August vereinbart.

Die Landkreise und kreisfreien Städte als Betreiber der Impfzentren seien über den Beschluss von der Taskforce Impfkoordination des Landes informiert worden, teilen Beuth und Klose mit. Bis Ende des dritten Quartals ist eine Finanzierung durch den Bund und die Länder – jeweils zur Hälfte – sichergestellt.

„Die Impfkampagne in Hessen und Deutschland fußt aktuell auf drei wichtigen Säulen. Neben den Impfzentren und Praxen haben nun auch bundesweit die Betriebsärzte die Möglichkeit, die schützenden Dosen zu verabreichen. Bereits im November 2020 hat die Landesregierung unterstrichen, dass es unser Ziel ist, die Schutzimpfungen gegen das Corona-Virus in die Regelversorgung zu überführen, sobald es möglich ist. Dies wird Ende des dritten Quartals der Fall sein“, erklärte Beuth. „Schon jetzt geht der überwiegende Teil der Impfstoffe in die Regelversorgung der Haus- und Betriebsärzte. Dort werden sukzessive mehr Impfungen stattfinden können.“ Die 28 Impfzentren seien ein Stabilitätsanker in der hessischen Impfstrategie, die in kürzester Zeit aufgebaut und seit der landesweiten Öffnung nach höchsten Standards betrieben worden seien. Mit dem Beschluss vom 7. Juni gebe man den Kommunen in erster Linie Planungssicherheit. „Es wird bis Ende September gleichwohl mit großem Einsatz weitergeimpft, die Ärmel bleiben auch bei den engagierten Kräften in den Impfzentren bis dahin hochgekrempelt“, versprach Beuth. Ob dann im dritten Quartal die Kapazität von 2.000 Impfungen täglich im Impfzentrums in Eltville noch ausgeschöpft wird, ist fraglich, denn mangels Impfstoff war das bisher noch nicht der Fall.

„Wir stehen mit der Impfallianz Hessen im Austausch, um die weitere Verimpfung durch die ärztliche Regelstruktur gut zu planen – dies auch vor dem Hintergrund eventuell notwendiger Auffrischungsimpfungen“, betonte Klose. Zu diesem Thema stehen die Länder und der Bund in Verbindung mit dem Robert-Koch-Institut und der Ständigen Impfkommission. „Die Impfzentren und mobilen Impfteams haben insbesondere bei den Impfungen der Alten- und Pflegeheime sehr wertvolle Arbeit geleistet“, lobte der Gesundheitsminister. „Wir werden dafür sorgen, dass der Impfschutz für die besonders sensiblen Gruppen auch weiterhin sichergestellt ist.“ Die Impfallianz Hessen ist ein Zusammenschluss des Hessischen Gesundheitsministeriums mit der KV Hessen, dem Hessischem Hausärzteverband, der Landesärztekammer, Landesapothekerkammer und dem Hessischen Apothekerverband.

Stadt Oestrich-Winkel
kann Impfwillige
nicht mehr unterstützen

Eine Umstellung des Systems beim Impftermin-Service des Landes Hessen für die Corona-Impfung hat zur Folge, dass die Stadtverwaltung Oestrich-Winkel ihre telefonische Unterstützung impfwilliger Bürgerinnen und Bürger nicht fortsetzen kann. Der E-Mail-Versand der Terminbestätigungen und bei der Impfung vorzulegenden Dokumente wurde aus Datenschutzgründen abgestellt. Ab sofort versendet der Impftermin-Service des Landes Hessen bei einer Registrierung über das Call-Center stattdessen eine standardisierte E-Mail, mit der Aufforderungen, die Terminbestätigung und die zugehörigen Dokumente über das entsprechende Online-Portal selbst herunterzuladen. Zur Registrierung über den beigefügten Link ist die Vorgangskennung der betreffenden Person einzugeben. „Unter diesen Umständen können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung Oestrich-Winkel die Zuordnung der betreffenden Person zu dem jeweiligen Impftermin und den Unterlagen nicht mehr gewährleisten, da in der E-Mail des Impftermin-Service des Landes Hessen die betreffende Person weder namentlich noch mittels der Vorgangskennung benannt ist. Dazu erklärt der Erste Stadtrat Björn Sommer: „Wir bedauern es sehr, die telefonische Impftermin-Unterstützung der Stadtverwaltung für die Bürgerinnen und Bürger Oestrich-Winkels aus genannten Gründen einstellen zu müssen und bitten alle Impfwilligen, sich ab sofort direkt an die Impf-Hotline des Landes Hessen zu wenden, die unter Telefonnummer 0611-50592888 täglich von 8 bis 20 Uhr erreichbar ist, auch an Sonn- und Feiertagen.“

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