Wir wollen der Region etwas zurückgeben

Stiftung Nachhaltiger Rheingau: Einsatz für die Heimat / Spenden willkommen

Sein Vortrag über die Schäden im Rheingauer Wald löste eine hohe Spendenbereitschaft aus: Jörg Deutschländer-Wolff von Hessen Forst.

„Der Rheingauer Wald speichert CO2, sichert Trinkwasser und stabilisiert das Klima“, heißt es im Imagefilm der Stiftung „Nachhaltiger Rheingau“. Doch genau diese wichtigen Funktionen des größten zusammenhängenden Waldgebiets in Hessens sind akut gefährdet. Denn auch wenn es noch nicht alle einsehen wollen: Der Klimawandel ist da! Und zwar mit Auswirkungen, die weit über den Wald hinausgehen.

Dramatisch und für jeden sichtbar sind die Schäden im Rheingauer Wald. Zunehmend problematisch werden die Veränderungen aber auch in den Rheingauer Weinbergen. Und nicht zuletzt ist auch jeder Einzelne in seinem direkten Umfeld betroffen - auch wenn er keinen Garten sein Eigen nennt, der ohne zusätzliche Wassergabe die letzten Trockenjahre kaum überstanden hätte.

Stürme, Hitze, Trockenheit und Wassermangel haben den Rheingau in den letzten Jahren in geballter Form heimgesucht. Bei vielen Rheingauern setzt sich immer mehr das Bewusstsein durch, dass es so nicht weiter gehen kann. Etliche lokale Initiativen stellen sich den Problemen und wollen ihren Beitrag leisten, um die Auswirkungen zu minimieren. Einige besonders Aktive haben es sich zum Ziel gesetzt, die Kräfte zu bündeln und die Stiftung „Nachhaltiger Rheingau“ gegründet. „Wir leben in der Region, wir arbeiten in der Region, wir verdienen hier unser Geld – und wollen auch etwas zurück geben“, sagen Christian Werner, Martin Dries und Andreas Zeiselmaier, die gemeinsam mit Jörg Deutschländer-Wolff die Keimzelle der Stiftung bilden.

Diese Stiftung hat bereits in den ersten beiden Jahren seit ihrer Gründung etliche Projekte angestoßen, die Vorbild und Impulsgeber für all diejenigen sein sollen, die es nicht nur beim Wehklagen belassen, sondern selbst etwas tun wollen.

Dazu Christian Werner, Mitinhaber der Eltviller Firma Werner Elektrotechnik: „Nicht alleine unser Staat, große Unternehmen und Institutionen haben eine gesellschaftliche Lenkungsfunktion. Auch jeder Einzelne trägt Verantwortung und kann seinen Beitrag zu unserem Ökosystem leisten.“

Jubiläum mit Folgen

„Alles begann mit unserem 50. Firmenjubiläum im Jahr 2018“, erzählt Christian Werner. Anlässlich des Jubiläums des mittelständischen Familienunternehmens mit seinen rund 60 Beschäftigten suchten er und sein Bruder Bernhard nach einem Wohltätigkeitsprojekt, das von den verschiedenen Gratulanten durch Spendengelder, anstelle von Jubiläumsgeschenken, unterstützt werden sollte.

Auf den Rheingauer Wald kamen sie aufgrund von zwei prägenden Ereignissen im Jahr 2017. Das eine war der Tod ihrer Mutter und Firmenmitbegründerin Herta Werner, die Ende November einer Krankheit erlag, die unter anderem ihre Lunge nicht mehr arbeiten ließ. Das andere war der Gewittersturm Erik, der mitten im Hochsommer über dem Rheingau getobt und binnen weniger Stunden enorme Schäden in den Höhenlagen verursacht hatte. Die Wunden rund um die Hallgarter Zange sind selbst vom Rhein her sichtbar.

550 Hektar Wald, das entspricht einer Fläche von 780 Fußballfeldern, wurden in dieser Augustnacht zerstört. Ein großer Schaden für den Rheingauer Wald, die grüne Lunge der Region. Hier sahen die Brüder Werner die Verbindung der beiden Ereignisse. In Zusammenarbeit mit dem damaligen Forstamtsleiter Rüdesheim Jörg Deutschländer-Wolff stießen sie das Spendenprojekt „Wiederaufforstung der heimischen Wälder“ an.

Wie wichtig das Projekt werden sollte, zeigte sich in den Jahren seit 2018, als in den heißen und trockenen Sommern im gesamten Rheingauer Hinterlandswald viele Bäume nachhaltig geschädigt wurden – weit über den für jeden offenkundigen Befall durch den Borkenkäfer hinaus.

Mitstreiter

Bei der Jubiläumsfeier der Fa. Werner waren auch die Brüder Stefan und Martin Dries von Bäcker Dries in Rüdesheim zu Gast. Der Vortrag von Jörg Deutschländer-Wolff bewegte sie dazu, über eine einmalige Spende hinaus gemeinsam mit der Fa. Werner und dem Forstamt Rüdesheim – HessenForst ein Aktionsbündnis ins Leben zu rufen.

Christian Werner, der sich auch im Aufsichtsrat der Rheingauer Volksbank engagiert, knüpfte die Verbindung zur „Bank der Rheingauer“. Eigentlich habe man über deren - zum 150-jährigen Jubiläum der Bank ins Leben gerufenen - gemeinnützige Bürgerstiftung zunächst nur den großzügigen Gratulanten Spendenquittungen ausstellen wollen. Doch RVB-Vorstandsvorsitzender Andreas Zeiselmaier wollte es dabei nicht belassen. Zeiselmaier war von der Bedeutung der Aktion so überzeugt, dass er die Idee im Kern weiter verfolgen und ausbauen wollte.

„Wir werden uns immer dringlicher bewusst, dass durch das schnelle Wachstum und manch liebgewonnene Gewohnheiten der letzten Jahrzehnte vieles – ökologisch, ökonomisch wie auch sozial – aus dem Gleichgewicht geraten ist“, blickt Zeiselmaier über den Tellerrand hinaus. Der Bankvorstand ist heute Vorstandsvorsitzender der „Stiftung Nachhaltiger Rheingau“, die aus dem damaligen Aktionsbündnis hervorging.

Anfangs arbeitete das Initiatoren-Quartett noch unter dem Arbeitstitel „Aktionsbündnis Erik“. Doch immer mehr wurde Christian Werner, Martin Dries, Jörg Deutschländer-Wolff und Andreas Zeiselmaier bewusst, dass das Projekt „Wiederaufforstung der heimischen Wälder“ nicht isoliert gesehen werden kann. Es müsse generell um das Thema Nachhaltigkeit gehen, waren sie sich einig.

Und dann durfte ein weiterer wichtiger Partner nicht fehlen: Die Rheingauer Winzer. Denn die Weinberge im Rheingau sind einerseits durch den schützenden Wald des Rheingaugebirges vor kalten Fallwinden geschützt – ein Schutz, der im Fall der sterbenden Wälder verloren zu gehen droht. Andererseits haben sie auch unter der zunehmenden Trockenheit zu leiden, die sich in den letzten Jahren – noch – vorwiegend in den Steillagen negativ auswirkte. In Andrea Engelmann, der Geschäftsführerin des Rheingauer Weinbauverbandes fanden sie eine überzeugte Mitstreiterin, die sich aus Überzeugung dem Bündnis für Nachhaltigkeit anschloss.

„Für die Ewigkeit“

So wurde aus dem vormaligen „Aktionsbündnis“ eine Stiftung, genau genommen eine Tochterstiftung der Bürgerstiftung der Rheingauer Volksbank. In diese Treuhandstiftung flossen die Geldspenden zum Jubiläum der Fa. Werner sowie Spenden von Bäcker Dries und der Rheingauer Volksbank ein. „Das Stiftungskapital von 15.250 Euro darf nicht angetastet werden“, erklärt Katharina Reineck. Die Juristin und Mitglied des Aufsichtsrats der Rheingauer Volksbank steht dafür, dass alle rechtlichen Bedingungen eingehalten werden. Gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der Rheingauer Volksbank bildet sie den Stiftungsvorstand. Im Stiftungsrat, der über die Verwendung der Spenden entscheidet, die der Stiftung zufließen, sitzen Christian Werner, Martin Dries, Jörg-Deutschländer-Wolff und Andrea Engelmann.

„Alle Beteiligten der Stiftung sind ehrenamtlich tätig“, legt Katharina Reineck Wert darauf, dass kein Cent für den Geschäftsbetrieb verwendet wird. „Alle Arbeitsleistungen der einzelnen Stiftungsmitglieder – von Waldbegehungen über Sitzungen und Werbemittel – werden von den Stiftungsmitgliedern in Eigenleistung erbracht – und das wird auch zukünftig der Fall sein. Die Stiftung ist für die Ewigkeit angelegt.“ Und sie ergänzt: „Der gesamte Aufbau und die finanzielle Ausstattung der Stiftung erfolgte aus Mitteln der Gründer. Die eingegangenen Spendengelder wurden bislang und werden auch in Zukunft zu 100 Prozent für Wiederaufforstungs- und Nachhaltigkeitsprojekte eingesetzt.“

Spendenfluss

Obwohl die Stiftung formal erst Anfang 2019 gegründet wurde, sind bereits jetzt mehr als 60.000 Euro gespendet worden. Ein Großteil wurde bereits für Projekte im gesamten Rheingau verwendet. Andreas Zeiselmaier freut sich: „Obwohl wir noch gar nicht so bekannt sind, ist das schon eine stolze Summe, die uns anvertraut wurde."

Damit könnte – früher als erhofft – eine Bewegung im Rheingau entstehen, getreu dem Stiftungs-Leitspruch „Aus Liebe, für morgen“, unter dem die Initiatoren möglichst viele Rheingauerinnen und Rheingauer motivieren wollen, selbst bei der Umsetzung der Stiftungsziele mitzumachen.

„Die Stiftung Nachhaltiger Rheingau fördert gemeinnützige Projekte des Naturschutzes und der Landschaftspflege im Rheingauer Wald, insbesondere dessen Wiederaufforstung“, heißt es in der Satzung der Stiftung. Zukünftig können aber auch weitere Projekte mit dem Ansatz der Nachhaltigkeit zu Bildung und Forschung unterstützt werden.

Allein im vergangenen Jahr wurden über den gesamten Rheingau hinweg lokale Aktionen mit zusammen mehr als 30.000 Euro unterstützt. Dabei ging es nicht nur um die Wiederaufforstung des Waldes mit besonderen und klimastabileren Baumarten, die nicht gefördert oder durch die sogenannte Naturverjüngung entstehen würden. Es wurden auch Anpflanzungsflächen dieser jungen Bäume mit dem Bau von Schutzzäunen vor Wildverbiss geschützt.

Waldpädagogik

Besonders wichtig ist es der Stiftung, bereits Kinder und Jugendliche an einen sensiblen und nachhaltigen Umgang mit der Umwelt heranzuführen. So unterstützte sie in Aulhausen die Aktion „Bäumchen pflanzen für unsere Zukunft“, an der die Kindergarten- und Vorschulkinder des Waldkindergartens Aulhausen unter Anleitung von Fachleuten von HessenForst an das Thema „Nachhaltigkeit“ herangeführt wurden.

Kinder des Rauenthaler Kindergartens sowie der Grundschule Eltville halfen bei einer anderen Aktion, die sie ihr ganzes Leben begleiten kann. Sie verbuddelten Esskastanien-Saatgut in „ihrem“ Wald, und können im Laufe ihres Lebens die Entwicklung der Edelkastanien verfolgen. Nachhaltigkeit in seiner sinnvollsten Form!

Nahe der Edelkastanien-Anpflanzungen wurde eine Fläche mit klimastabileren und hitze- sowie trockenheitsresistenteren Baumarten bepflanzt und zum Schutz vor Wildverbiss umzäunt. Ausgewählt wurden besondere Baumarten wie Platanen, Elsbeere, Baumhasel, Roteichen, Speierling, Weißtanne und Schwarznuss, die die ansonsten angepflanzten Eichenwildlinge aus dem eigenen Stadtwald ergänzen und beimischen.

Schüler höherer Klassen der Rheingauschule in Geisenheim beteiligten sich bei einer Pflanzaktion auf der Hallgarter Zange, die ebenfalls durch HessenForst fachkundig und didaktisch begleitet wurde.

Klimastabilität

Auch Kiedrich muss derzeit massive Waldschäden verkraften. Dort wird an einer Borkenkäfer-Schadfläche entlang eines Teilstücks der vor zehn Jahren angelegten Exotenallee unweit der Turnerhütte am Hahnwald unter fachkundiger Begleitung eine Musterfläche mit südeuropäischen Baumarten entstehen. Diese Baumarten zeichnen sich durch höhere Hitze- und Trockenheitsresistenz aus und, so hofft man seitens der Waldwissenschaftler, werden dadurch zu mehr Klimastabilität der Wälder in Zukunft beitragen können.

Dazu hatten auf Erkundung des Kiedricher Revierförsters Joachim Sprenger Forstamtsleiter Jan Stetter mit seinem Vorgänger und Stiftungsratsmitglied Jörg Deutschländer-Wolff sowie Stiftungsmitbegründer Christian Werner eine vergleichbare Projektfläche im Schwanheimer Wald bei Frankfurt besichtigt, um sich wichtige Anregungen zu holen.

In Kiedrich soll nun eine für den Rheingau prägende Musterfläche entstehen. „Aufgrund der besonderen Lage ist diese Projektfläche prädestiniert für waldpädagogische und umweltbildende Maßnahmen und wird hierfür in Zukunft auch herangezogen und eingesetzt“, betont der Stiftungsrat.

Kissner Buche

Dass es der Stiftung „Nachhaltiger Rheingau“ nicht nur um Wiederaufforstung und Pflege von Waldflächen geht, belegen zwei Projekte in Rüdesheim. So unterstützte die Stiftung am neuen Parkplatz der Abtei St. Hildegard die Pflanzung mit regionalen Baumarten. Denn die Besonderheit des neuen Parkplatzes ist gerade diese Bepflanzung. 32 Bäume, u.a. verschiedene Ahorn-Arten, Felsenbirne, Hopfen- und Hainbuche, Blumen-Esche, Esskastanie und Speierling wurden dort gepflanzt. Das passt exakt ins Nachhaltigkeits-Schema der Stiftung „Nachhaltiger Rheingau“.

Ein aktuelles Beispiel ist auch die Sanierung eines einzelnen, wenn auch besonderen Baums. „Die „Kissner Buche“ steht südlich von Presberg Richtung Grohlochtal/Inglerkopf“, schrieb die Rüdesheimer Revierförsterin Ulrike Haus. „Sie ist ein kleines Monument, ein „Eye-Catcher“ am Premium-Wisper-Trail „Via Monte Preso“, ein naturschutzfachlich hochwertiger, einfach ein schöner Baum“, schwärmt sie. Allerdings ist dieser Baum nicht mehr ausreichend verkehrssicher, um direkt an einem Wander-/Waldweg zu stehen.

„Ich bin auf der Suche nach einer Fördermöglichkeit für den Erhalt dieser alten Buche“, schreibt sie an die Stiftung. Ein Gutachten ergab, dass Entlastungschnitte in der Krone erforderlich sind, um die Verkehrssicherheit des Baumes wiederherzustellen. Die notwendigen Kronenschnitte kosten etwa 1.600 Euro – wofür die Stiftung „Nachhaltiger Rheingau“ eintreten will.

Die Jugend treibt uns

Das Beispiel „Kissner Buche“ steht exemplarisch für die Ziele der Stiftung, mit ihren Aktionen weitere Unterstützer und Nachahmer zu finden, aber auch auf ihre Fördermöglichkeiten aufmerksam zu machen. Bei den Rheingauer Kommunen rennt die Stiftung offene Türen ein. Viele besitzen beträchtliche Waldflächen, die für die Kommunen auch ein Wirtschaftsfaktor sind.

Im privaten Bereich will man die Rheingauer noch mehr für Umweltbelange begeistern. „Das ist mitunter ein langer Weg“, sagt dazu Martin Dries, der insbesondere auf die Jugend baut. „Die junge Generation treibt uns.“ Auch deshalb will die Stiftung in Kindergärten und Grundschulen gehen, um die Kinder weiter zu sensibilisieren.

Durch Öffentlichkeitsarbeit sollen aber auch die Erwachsenen erreicht werden. Es gebe viele kleine Schritte, mit denen man etwas verändern könne, von der Müllvermeidung bis zur Ressourcenschonung. Beispiele wären die Vorgärten der Privathäuser, wo z.B. die unseligen (Schotter-)„Gärten des Grauens“ wieder in naturnahe Flächen umgewandelt werden könnten. Insektenhotels könnten den Insekten helfen, Trockenwiesen statt englischem Rasen seien naturnäher und sparten das kostbare und zunehmend knappere Wasser.

Stehen am Anfang

Das Fazit von Martin Dries: „Wir stehen erst am Anfang, haben unendlich viele Ideen, und immer wieder kommen neue hinzu. Aber wir sind auch dankbar für Anregungen der Rheingauer Bevölkerung.“

Wichtig für die Umsetzung der Projekte sind natürlich auch weitere Spenden – sei es von Firmen oder Privatpersonen, die beim nächsten Firmenjubiläum oder runden Geburtstag die Stiftung „Nachhaltiger Rheingau“ bedenken wollen. „Wir wollen weitere Spenden für gemeinnützige Projekte u.a. im Bereich des Naturschutzes und der Landschaftspflege einwerben, sowie um besondere Wiederaufforstungsprojekte im Rheingauer Wald zu fördern…“ heißt es auf der Homepage (https://nachhaltiger-rheingau.de). An potenzielle Förderer richtet sich der Satz: „Mit einer Spende fördern Sie unmittelbar die Arbeit der Stiftung, denn Spenden werden zeitnah für o.g. Zwecke verwendet. Zustiftungen fließen dem Stiftungsvermögen zu und erhöhen damit die Erträge, die wiederum für gemeinnützige Projekte in der Region eingesetzt werden.

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