Erstmals Stolpersteine in Rüdesheim verlegt

Erstmals Stolpersteine in Rüdesheim verlegt

Studentin Ronja Gerstadt engagiert sich für Spurensuche jüdischer Familien in ihrer einstigen Heimatstadt

Gunter Demnig hat seit 1993 mehr als 75.000 Stolpersteine zum Gedenken an Opfer von Krieg, Gewalt und Nationalsozialismus verlegt.

Rüdesheim. (sf) – „Man stolpert mit dem Herzen und dem Kopf“, das habe ein Hauptschüler einmal gesagt bei seiner Verlegung der Stolpersteine, und das habe ihn tief beeindruckt, erzählte der Aktionskünstler Gunter Demnig vor einigen Jahren bei seiner ersten Arbeit im Rheingau, damals in Oestrich-Winkel.

Gunter Demnig ist der geistige Vater des Erinnerungsprojektes „Stolpersteine“. Der 1947 in Berlin geborene Künstler machte seit Anfang der 80er Jahre mit Rauminstallationen und Performances auf sich aufmerksam.

1985 etablierte er sein Atelier in Köln, 1996 startete er das Projekt „Stolpersteine“, das er heute als einziges künstlerisches Projekt betreibt. 2006 folgten die ersten Steinverlegungen im Ausland. Für seine Arbeit erhielt Demnig zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 das Bundesverdienstkreuz. Der Künstler, der Hut und Weste trägt wie einst Joseph Beuys, hat mittlerweile europaweit mehr als 75.000 „Stolpersteine“ verlegt. Diese Steinwürfel mit blankpolierten Messingplaketten sollen an Opfer des Holocaust erinnern und liegen nicht nur in den Straßenpflastern vieler deutscher, sondern auch europäischer Städte, in Norwegen oder auch in Rom.

Jetzt kamen erstmals 13 Stolpersteine in Rüdesheim dazu. Eine Studentin hat sich dafür engagiert und die Aktion in die Wege geleitet: Die 27-jährige Ronja Gerstadt, Tochter von Hajo Meuer, die schon lange nicht mehr in Rüdesheim wohnt, wollte dem allgemeinen Rechtsruck global und lokal mit einer besonderen Aktion entgegen wirken. „Nach einer Veranstaltung zum 'Tribunal NSU auflösen' ging mir die Idee nicht mehr aus dem Kopf, dass auch ich als Einzelperson etwas tun kann gegen die Bedrohung der rechtsgerichteten Politik wie der AfD und zwar vor Ort in meiner Heimatstadt“, erklärte die Master-Studentin der Ästhetik und Philosophie. Obwohl Gerstadt in Offenbach wohnt, engagierte sie sich für ihre Heimatstadt und deren einstige jüdische Mitbürger. Sie begann mit ihren Recherchen und fand jedoch im Stadtarchiv keine fundierten Angaben. Zwar habe es dort schon ein paar Unterlagen gegeben, anscheinend hatte jemand schon einmal damit begonnen für einen Stolperstein-Aktion zu recherchieren, aber weit gekommen war man nicht. Deshalb bemühte sich Ronja Gerstadt nun selbst, forschte im Bundesarchiv und im offenen Archiv Yad Vashem in Jerusalem, das eine Online-Datenbank anbietet und wurde schnell fündig. Das Leben von 13 Personen, die einst in Rüdesheim lebten und die durch Pogrom, Vertreibung, Verschleppung in Ghettolager und ins Konzentrationslager gequält und ermordet wurden, konnte sie nachzeichnen. Doch die Recherchen sind schwierig: In stundenlanger Arbeit müssen alte Akten, Geburts-, Heirats- und Sterberegister online gewälzt werden, um Adressen und Namen herauszubekommen. Wenn man an andere Archive schreibt, zum Beispiel Hadamar, dauern die Bearbeitungszeiten manchmal fast ein Jahr. Die Nazis hätten gerade bei der Vernichtung behinderter oder gehandicapter Menschen bewusst Namen und Adressen vertauscht oder verfälscht oder offen gelassen: „Eine Sisyphos-Arbeit!“, hält Ronja Gerstadt fest.

Zwischenzeitlich hatte sie auch über die „Stiftung Spurensuche“ Kontakt zum Stolperstein-Künstler Demnig aufgenommen und er signalisierte der jungen Frau, selbst vor Ort die Steine in Rüdesheim zu verlegen. Fehlte noch das notwendige Geld, das Gerstadt über Publikmachen in ihrem Bekanntenkreis zusammen bekam. „Viele Einzelpersonen spendeten für die Aktion und unterstützten mich, aber auch verschiedene Vereine und Institutionen“, erzählt sie. Der GfR-Verein Gemeinsam für Rüdesheim, die Hildegardisschule, Kathrin Kronebach-Oho, Catharina Ehrhard, Familie Pospischil, die Shredbeers (eine Wintersport Gruppe), Petra Freimuth, Tobias Rotter, Hajo Meuer, Thomas Menges und Spenden aus dem Pub-Quiz im Hajo’s hatten für die gute Sache zusammengelegt. Dank dieser Spender konnten am vergangenen Dienstag die ersten 13 Stolpersteine verlegt werden.

So wurden in der Steingasse 9 gleich sechs Steine für die Mitglieder der Familie Hirschberger verlegt, die hier bis zur Pogromnacht gelebt hatte. In dieser Nacht wurde die Familie brutal ausgeraubt und sie flüchtete zunächst nach Mainz und später in die USA. „Sie sind die einzigen, die überlebt haben“, erklärte Gerstadt.

Die 13 Stolpersteine sollen nur ein Anfang sein, wenn es nach der Studentin geht. „Ich hoffe, viele folgen jetzt meinem Beispiel und engagieren sich dafür, weitere Stolpersteine für die vielen jüdischen Mitbürger zu verlegen, die es in Rüdesheim einst gegeben hat. Der jungen Frau geht es darum, dass mit der Verlegung der Steine eine bleibende, andauernde, tägliche Erinnerung und Ermahnung an die Verbrechen der Nationalsozialisten in den Köpfen der Menschen bleibt. „Wir hatten schon in der Rheingauschule einen Projekttag zu diesem Thema initiiert und wollen dieses Projekt auch weiter aufrecht erhalten“, erklärte sie. Gerne könne man über die Stadt Rüdesheim Kontakt zu ihr aufnehmen, wenn man Hilfe und Unterstützung brauche. „Ich hoffe, dass noch viele Stolpersteine folgen“, sagte sie.

Bei den Stolpersteinen gehe es um eine soziale Skulptur, auch im Sinn von Joseph Beuys. „Hinter jedem einzelnen Stein steht ein Schicksal, eine Lebensgeschichte, die sehr bewegend ist. Gerade auch für junge Menschen und Schüler soll hier eine abstrakte Zahl von über sechs Millionen ermordeten Menschen im Nazi-Regime greifbar gemacht werden. Ich habe sehr oft erlebt, wie bewegt die Schüler sind, wenn sie sich durch die Stolperstein-Aktion in der eigenen Straße oder vor dem eigenen Haus mit der Historie der einzelnen Opfer auseinandersetzen und wie anders sie plötzlich Geschichte begreifen“, erklärt Gunter Demnig. „Die gehen dann anders nach Hause, das können Sie glauben“.

Gegen das Vergessen stellt sich auch die weitere Verlegung der Stolpersteine in Rüdesheim: Neben den Steinen für Käthchen Hirschberger, geborene Hofmann, Jahrgang 1872, Meta Hirschberger, Jahrgang 1894, Gerta Hirschberger, Jahrgang 1896, Irma Hirschberger Jahrgang 1896, Elsa Hirschberger Jahrgang 1906 und Gustav Hirschberger Jahrgang 1904 in der Steingasse 9 wurden auch in der Langstraße 3 Erinnerungssteine an Karl und Matilde Rothschild verlegt, die 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurden. In der Wilhelmstraße 10 wurde ein Stolperstein für Bella Levitta, Jahrgang 1876 verlegt, die 1942 nach Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet wurde. In der Kellerstraße 14 wohnte Josef Moos, Jahrgang 1869, der ebenfalls 1942 nach Theresienstadt deportiert und in Treblinka ermordet wurde. Weitere Stolpersteine, die hier verlegt wurden, erinnern an Frieda Weil, geborene Eckstein, Jahrgang 1887 und an Max Günther Weil, Jahrgang 1919, die 1942 in Piaski ermordet wurden. Hier wohnte auch Gertrude Götz, geborene Weil, Jahrgang 1914, die 1941 nach Lodsch deportiert und dort ermordet wurde. Über die Verlegung der Stolpersteine würden viele Leute überhaupt zum ersten Mal ins Gespräch kommen, weiß Demnig zu berichten. Das Echo des Projektes gehe bis nach Südamerika und Asien. Bei den Verlegungen hätten sich zum Teil Familienteile getroffen, die voneinander nichts wussten. „In Aachen habe ich ein ganzes Familientreffen bei einer Verlegung erlebt. Die Leute wohnten alle in Israel, haben sich aber erst bei der Verlegung in Deutschland richtig kennengelernt“, erzählt er.

Alleine könne er die Recherche für die einzelnen Steine niemals leisten. „Es ist eine Initiative der Bürger, auch das Geld kommt ja von ihnen, über Patenschaften“, so Demnig. Aber auch mit Gegenstimmen hätten die Initiatoren und auch der Künstler immer wieder zu kämpfen. So waren zum Beispiel in Greifswald alle verlegten Steine von Unbekannten wieder entfernt worden: „Da haben Leute geschrieben, Greifswald sei jetzt „stolperstein-frei“. Das waren insgesamt elf Steine. Doch die Stadt hat sie wieder neu verlegt.

„Insgesamt sind im Lauf der Jahre 800 Steine angegriffen worden mit Farbe, mit Teer, mit Silikon. Für all das gibt es aber Lösungsmittel und ungefähr 100 Steine sind herausgerissen worden. Ich selbst habe drei Mal eine Morddrohung erhalten“, erzählte der Künstler, der in den Stolpersteinen sein Lebenswerk sieht. „Da kommt so viel Positives zurück. Welcher Künstler erlebt das. Ich lerne tolle Menschen kennen. Das ist ungemein bereichernd“, sagte er und dankte auch Ronja Gerstadt für ihr Engagement in ihrer Heimatstadt.

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