Einweihungsfeier nach einem halben Jahr Bauzeit
Elke Detmann hielt einen Vortrag zur Entstehung der Wallufer Heilandskirche

Der Altarraum mit Arkaden, Auferstehungsfenster und Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert.(Foto: Herbert Ujma)

Rheingau. (chk) – Über die Entstehung der evangelischen Kirche in Walluf sprach Elke Detmann in der Vortragsreihe der Rheingauer Heimatforscher im Rüdesheimer Rathaussaal. Sie ist Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Rheingauer Heimatforschung, Wallufer Heimatarchivarin und Mitglied der Heilandsgemeinde. Vorsitzender Dr. Manfred Laufs drückte seine Freude darüber aus, dass der Vortrag über die „fast unglaubliche Baugeschichte“ und die Entwicklung der evangelischen Gemeinde noch als Nachklang zum 500-jährigen Reformationsjubiläum erfolgen konnte.

 

„Die eigentliche Geschichte des evangelischen Kirchenlebens beginnt 1827, als 315 evangelische Bewohner des Rheingaus den Herzog von Nassau um Anstellung eines Pfarrers und um Überlassung eines geeigneten Raums für die Abhaltung von Gottesdiensten baten“, erläuterte Elke Detmann. Erst 25 Jahre zuvor hatte der Mainzer Präfekt Napoleons per Toleranzedikt auch evangelischen Christen den Zuzug in den Rheingau und die Religionsausübung erlaubt. Das war am 2. Mai 1802. Ludwig Wilhelm Eibach sei 1835 der erste evangelische Pfarrer im Rheingau gewesen, der seinen Wohnsitz zunächst in Oestrich hatte und ihn ein Jahr später nach Erbach in den „Zehnthof“ verlegte, wo die Gottesdienste im Kelterhaus stattfanden. „1853 wurde die evangelische Gemeinde des Rheingaus in zwei selbständige Gemeinden aufgeteilt“, berichtete Elke Detmann. Die Evangelischen seien, was die Nutzung kirchlicher Räume angehe, schon damals auf die ökumenische Zusammenarbeit angewiesen gewesen. Neben den evangelischen Kirchen, die 1855 in Rüdesheim und 1865 in Erbach erbaut wurden, nutzten sie Betsäle in den einzelnen Orten. In Walluf war es ab 1880 der Betsaal im Stadionschen Hof, wo der Pfarrer aus Erbach alle zwei Wochen Gottesdienst hielt. 1887 kaufte der Weinhändler Louis Müller den ehemaligen Adelssitz. Als er den als Betsaal genutzten Raum und die Wohnung des Küsters zurückforderte, kam es zum Krach mit der evangelischen Gemeinde. Daraufhin störte Müller den Gottesdienst durch lautes Drehorgelspielen in seiner angrenzenden Wohnung. Außerdem kündigte er dem Küster, der auch im Stadionschen Hof wohnte, den Stall und den Keller, so dass er sein Vieh mit Verlust verkaufen musste. Die Querelen zwischen dem Hausbesitzer und der evangelischen Gemeinde landeten vor dem Richter, und Müller zahlte der Gemeinde im Juni 1901 für die Freigabe des Betsaals 10.000 Mark. „11.000 Mark hatte die Gemeinde schon durch den Gustav-Adolf-Verein“, berichtete Elke Detmann. „Das war die Geburtsstunde unserer Heilandskirche.“

Genaue Kalkulation

Allerdings bedurfte es noch großer finanzieller Anstrengungen, und die Gemeinde war auf die Spendenbereitschaft ihrer Mitglieder angewiesen, um den Kirchenbau zu verwirklichen. Zu diesem Zeitpunkt waren es 261 evangelische Wallufer, die den Beschluss fassten, eine Kirche zu bauen. Von drei Bauplätzen, die zur Auswahl standen, entschied man sich für den Standort in der Schönen Aussicht, und damit für einen Bauplatz in leicht erhöhter Lage am damaligen Nordrand Niederwallufs neben der 1898 erbauten Villa Lahn des ehemaligen Seekapitäns Heinrich Hellmers. Am 5. November 1901 beschloss der Kirchenvorstand, den Architekten Ludwig Hofmann aus Herborn mit der Planung der Kirche zu beauftragen. Am 1. Mai 1902 wurde der Bauantrag genehmigt. Einen Tag später, genau 100 Jahre nach dem Toleranzedikt, erfolgte die feierliche Grundsteinlegung und schon ein knappes halbes Jahr später, am 26. Oktober, wurde bereits die Einweihung der Heilandskirche gefeiert. „Wo der Herr nicht das Haus baut, da arbeiten umsonst, die daran arbeiten“, hatte die Gemeinde in gottesfürchtiger Ergebenheit und in Anlehnung an den 127. Psalm auf die Einladung zur Einweihungsfeier gedruckt. Die Referentin konnte weitere interessante Dokumente vorlegen, aus denen bis ins Detail geplante Vorgehensweisen zu erkennen waren, wie die von Pfarrer Merz unterzeichnete „Arbeitsvergebung“ der Baukommission. Die einzelnen Positionen waren exakt kalkuliert und vorgegeben, beispielsweise „Erd- und Mauerarbeiten 7.663,61 Mark“ oder „Steinmetzarbeiten 5.051,75 Mark“. „Die Gesamtkosten beliefen sich auf 43.072,06 Mark; davon blieben nur 185,28 Mark als ungedeckter Betrag übrig“, erläuterte Elke Detmann, die auch schon an der mehr als 100-seitigen Jubiläums-Dokumentation „100 Jahre Heilandskirche, 1902 – 2002“ mitgearbeitet hatte. Mit der Heilandsgemeinde ist sie ohnehin bestens vertraut; sie wurde sozusagen hineingeboren und war 25 Jahre lang Mitglied des Kirchenvorstands. Die ehemalige Oberstudienrätin an der St. Ursula-Schule hat, vor allem in kirchlichen Kreisen, schon viele Vorträge zu historischen Themen gehalten und nun erstmals über „ihre“ Kirche referiert, nachdem sie allerdings schon für zwei Führungen in der Heilandskirche fundierte Zahlen und Fakten zusammengetragen hatte.

Anschaulich illustriert wurde der Vortrag durch Fotos von Herbert Ujma, der die Kirche in verschiedenen Außen- und Innenansichten zeigte. Er war für den technischen Part der Präsentation zuständig, ließ auch Fotografien mit dem gewissen Blick für künstlerische Details einfließen und hatte zudem Archiv-Dokumente für den Vortrag digitalisiert.

Filialkirche von Erbach

Die Kirche wird in der Denkmaltopographie von Dagmar Söder als „kleiner Saalbau mit kurzen, breiten Kreuzarmen und Frontturm, errichtet aus Bruchsteinmauerwerk mit Sandsteinwerkteilen in gotischen Formen“ beschrieben. Hofmann selbst habe den Stil als frühgotisch bezeichnet, erklärte Elke Detmann. Dies sei im Wesentlichen bedingt durch die Gestalt der großen Fenstergruppen links und rechts. Bei den beiden großen Seitenfenstern sei die unterschiedliche Verteilung der Farben bemerkenswert. Das Ostfenster leuchtet in der Morgensonne durch das vorherrschende Blau frisch und kühl. Im Westfenster herrschen Rottöne vor, die mit der Abendsonne für ein warmes, mildes Licht sorgen. Das Auferstehungsfenster im Chorraum sei das einzige mit figürlicher Darstellung. Die Fenster kommen aus der Wiesbadener Glasmalerei-Werkstatt Albert Zentner. Bei allen handwerklichen und kunsthandwerklichen Arbeiten habe man Handwerker aus der näheren Umgebung berücksichtigt. Altar, Kanzel und Taufstein hätten Wallufer Steinmetze geschaffen.

Im Altarraum, der durch dreibogige Arkaden abgeteilt ist, hängt unter dem Auferstehungsfenster ein Kruzifix. „Das ist ein wertvolles Kreuz aus Zirbelkiefer aus dem 15. Jahrhundert aus Oberfranken“, betonte Elke Detmann. „Es wurde der Kirche von Kapitän Hellmers gestiftet.“ Die Orgel wurde 1904 von der Firma Raßmann in Möttau gebaut und gilt bis heute als ein besonderes Schmuckstück. Aus Platzgründen ist die Orgelempore nur von außen erreichbar über eine enge Wendeltreppe in einem Treppenturm. Elke Detmann erinnert sich noch daran, wie sie als Jugendliche mit ihrer Freundin die Orgel treten musste, weil es für die Orgel damals noch keinen elektrischen Anschluss gab. Auch an den Pfarrer von damals erinnert sie sich gut: „Der erste Pfarrer, der seinen Amtssitz in Niederwalluf hatte, war Pfarrvikar Friedrich Mecke“, berichtete sie. „Mit ihm hatten wir 1954 die erste Konfirmation in Walluf. Bis 1953 waren wir eine Filialkirche von Erbach, deshalb wurden bis dahin auch die Wallufer Jugendlichen in Erbach konfirmiert.“ Pfarrer Mecke sei etwas Spezielles gewesen. „Er war auch Künstler und Bildhauer.“ Seit 1955 ist Walluf eine selbständige Kirchengemeinde mit eigenem Kirchenvorstand. Heute hat die Heilandsgemeinde Walluf-Martinsthal-Rauenthal 1.965 Mitglieder. Im Jahr 2017 wurden 20 Taufen gefeiert.

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