Große Reste der bedeutenden „Festung“ Walluf entdeckt
Bei Ausschachtarbeiten an der Hauptstraße wurden Fundamente des „Backofens“ freigelegt /

Bürgermeister Manfred Kohl und Heimatarchivarin Gerda Schmitt-Teßmann bei einem Ortstermin nach der Freilegung der Mauerreste des Backofens.

Walluf. (mh) – Nachdem bisher nur einige wenige Mauerbrocken aus dem Fundament des sogenannten „Backofens“ gefunden und sichergestellt werden konnten, sind bei neuerlichen Ausschachtarbeiten auf dem Grundstück des ehemaligen evangelischen Gemeindehauses große Reste der einst bedeutenden „Festung“ Walluf entdeckt worden. Deshalb wurden die Arbeiten zunächst eingestellt.

Wie Bürgermeister Manfred Kohl bei einem Ortstermin mit Heimatarchivarin Gerda Schmitt-Teßmann sagte, wisse man schon lange, dass sich an dieser Stelle eine Befestigungsanlage befindet. Dass davon nunmehr ein so großer Rest freilegt wurde, „hat uns sehr positiv erstaunt“. Deshalb versuche die Gemeinde Walluf in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalschutz, dass Vorgefundene zu dokumentieren und dieses für die Nachwelt zu erhalten.

Da die Gemeinde Walluf nur Beteiligte in diesem Verfahren sei, bleibe die Bewertung und anschließende Entscheidung dieser Fachbehörde abzuwarten. Auch mit dem Eigentümer des Grundstückes müssten sehr enge Abstimmungsgespräche geführt werden. Vielleicht gelingt es dabei, so Kohl, „dass man sowohl das geplante Bauvorhaben als auch die Sicherung der Reste unter einen Hut bringen kann“.

„Aufmerksame Wallufer Bürger haben mich umgehend über den Fund informiert“, sagte Gerda Schmitt-Teßmann. Sie habe diese Information „mit großer Freude“ aufgenommen. Da sie gegenwärtig wegen der Begutachtung der im Flurbereich „Paradies“ vorhandenen Mauerresten der Gebückanlage mit Thomas Büttner, Büro für Heimatkunde und Kulturlandpflege, in Kontakt stehe, „passe dies mit dem neuerlichen Fund gut zusammen“. Wie bereits berichtet, soll im Paradies ein neuer Kindergarten gebaut werden.

Über den Backofen und das Gebück in Niederwalluf und die damit verbundenen Auswirkungen auf den Ort und die Einwohner hat der frühere Heimatarchivar Norbert Michel in seinen „Beiträgen zur Wallufer Heimatgeschichte einen bemerkenswerten Aufsatz verfasst, auf den sich auch Gutachter Thomas Büttner stützt.

Er bezeichnet die verbliebenen baulichen Belege von sehr hohem Zeugniswert für Walluf als Pforte zum Rheingau und nicht zuletzt für die Kulturlandschaft Rheingau als Ganzes. Zugleich bestehe ein großes Potenzial, die verbliebenen Relikte des Gebücks als Wallufer Alleinstellungsmerkmal und als Attraktion eines Gebückwanderweges herauszustellen und erlebbarer zu gestalten.

Wie Michel schreibt, wurde nach eindeutigen Belegen zum Schutze des kurmainzischen Rheingaus wahrscheinlich schon im 13. Jahrhundert eine Landwehr, heute als Rheingauer Gebück benannt, angelegt. Diese Anlage habe in Lorch begonnen und bis Walluf gereicht.

Durch die Topografie bedingt, sei die Ostgrenze des Rheingaus Angriffen von Außen ausgesetzt gewesen. Deshalb sei Niederwalluf als „Tor des Rheingaus“ mit etwa 18 Bastionen und Bollwerken verschiedener Bauart und Größe im Verlaufe der Zeit immer stärker ausgebaut worden.

Nach dem Ausbau der dritten Ausbaustufe befanden sich, so Michel, in Niederwalluf drei Bollwerke: Der Backofen an der Hauptstraße, der Stock an der Haselnussgasse und das Oestricher Bollwerk am Weg nach Oberwalluf. Ferner die vier Pfortenhäuser: Die Nikolay-Pforte, die Säu-Pforte und die Pforte am Backofen sowie die Feldpforte in der Bahnhofstraße.

Das Ende des 15. Jahrhundert am östlichen Ortseingang wegen seiner runden Form als „Backofen“ bezeichnete Bauwerk sei 1506 als „größtes steinernes Bollwerk, einem Schlosse gleich“, bezeichnet worden. Dieses habe über zwei Stockwerke verfügt. Der Zugang zum Dorf sei zusätzlich durch die äußere Pforte und einen Landgraben zum Rhein hin gesichert worden. Neben der Pforte am Johannisbrunnen habe sich das kurmainzische Landwachthaus befunden. Dieses habe auf dem Gebiet des Lindauer Gerichts als Endstufe des kurmainzischen Gebückaufbaus in Niederwalluf gestanden.

Wichtige Rolleals Schutzanlage

Der Bau des Backofens an dieser Stelle verdanke seine Entstehung sicherlich dem Umstand, dass die Rheingauer Landstraße als der wichtigste Zugang zum Rheingau direkt unter einer kleinen Anhöhe vorbeiführte. In seinen „Diplomatischen Nachrichten“ 1799 habe der Eberbacher Chronist Hermann Bär berichtet, „dass seine beiden Flanken mit hohen Wällen und dem tiefen Landgraben geschützt wurden. Dadurch ward das Bollwerk auf einer Seite mit dem nahen „Rheine und auf der anderen Seit mit dem Gebück verbunden“.

Sehr ausführlich beschreibt Michel die Bedeutung des Rheingauer Gebücks in den nachfolgenden Jahrhunderten. Dabei weist er insbesondere auf den hohen Stellenwert der Wallufer Bollwerke in den immer wieder auftretenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Lindauern und Kurmainz sowie im Dreißigjährigen Krieg hin. Erst nach vielen erfolglosen Versuchen sei es den Schweden nur durch Kriegslist und Verrat gelungen, die Befestigungsanlagen bei Neudorf (Martinsthal) zu durchbrechen und Niederwalluf mit dem Backofen von der Rückseite zu stürmen. Auch während der Zeit der Eroberungskriege des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV. habe der Backofen eine wichtige Rolle gespielt.

1770 habe man mit der Abholzung des Gebücks und der Niederlegung der Bollwerke begonnen und die Steine zum Straßenbau und zur Rheinuferbefestigung verwendet. In späteren Jahren sei das Holzgerüst der Decke in Brand gesetzt und restliche Mauerteile gesprengt worden. Anfang des 19. Jahrhunderts sei der Backofen zum endgültigen Abriss freigegeben worden. Erst bei der Verbreiterung der Hauptstraße in den 50er Jahren und bei Ausschachtarbeiten zum Bau eines Hauses im Frühjahr 1991 seien Mauerreste entdeckt und Mauerbrocken sichergestellt worden. Diese seien die Zeugnisse, „die von der einst bedeutenden „Festung“ Niederwalluf übrig geblieben sind“.

Dass die jetzt zutage gekommenen Fundamente sich in einem sehr stabilen Zustand präsentieren, erstaunte auch Manfred Kohl und Gerda Schmitt-Teßmann. Die aus dem Budenheimer Steinbruch stammenden Kalksteine und die sogenannten „Bachkatzen“ sowie der dabei verwendet Mörtel hätten dem Bollwerk offensichtlich eine so große Stabilität gegeben, „dass sie auch vielen Versuchen seiner Auflösung widerstanden haben“.

Wie der zuständige Archäologe Thomas Becker vom Hessischen Landesamt für Denkmalschutz mitteilte, hat eine Fachfirma die sichtbaren Mauerreste archäologisch dokumentiert. Sie sollen jedoch, weil nicht mehr erhaltenswürdig, entfernt werden. Stattdessen empfiehlt er die Aufstellung einer Schautafel mit entsprechenden Hinweisen auf das Bollwerk „Backofen“.

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Kommentare

Walluf Backofen

Eigentlich müsste noch einiges von diesem Bauwerk unter der Erde liegen, wenn man die jetzige Höhe des ausgegrabenen Bauwerkes betrachtet. Vielleicht entscheidet man sich ja dann für das stehen lassen des Bauwerkes. Von der Johanniskirche stehen ja auch nur noch Mauerreste. Für Walluf und den Rheingau währe das eine besondere Attraktion.

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