Treffpunkt Netzwerk-Café – immer dienstags

Treffpunkt Netzwerk-Café – immer dienstags
Ehrenamtliche und Geflüchtete pflegen den Austausch / Eva Moore ist die Leiterin

Bei Eva Moore laufen die Fäden zwischen Ehrenamtlichen, Flüchtlingen und Gemeinde zusammen.

Walluf. (chk) – Jeden Dienstag von 17.30 bis 19.30 Uhr treffen sich Menschen im Netzwerk-Café im Vereinshaus am Rhein. Es sind Flüchtlinge, die seit einiger Zeit hier leben und Flüchtlingspatinnen und -paten und andere Ehrenamtliche, die schon länger oder schon immer in Walluf leben. Man trifft sich, wie der Name schon sagt, zum Netzwerken, zum Plaudern bei Tee oder Kaffee, zum Helfen oder zum Spielen. „Man braucht keinen Geflüchteten-Status, um zu uns zu kommen. Alle Wallufer sind als Gäste willkommen“, sagt Eva Moore, die das Netzwerk-Café leitet.

Bei ihr laufen die Fäden zusammen und sie ist Ansprechpartnerin für Flüchtlinge, Ehrenamtliche und die Gemeinde. Dort wiederum ist ihre Ansprechpartnerin Bettina Jochmann-Schlotter, die das ehrenamtliche Engagement zu würdigen weiß. „Es ist wirklich beeindruckend, dass die Wallufer Paten das seit 2014 durchgängig machen“, betont sie. Seit 2017 ist sie bei der Gemeinde Walluf angestellt und für die kommunal untergebrachten Flüchtlinge zuständig ist. Davor war sie bereits in der Flüchtlingsarbeit des Deutschen Roten Kreuzes in Aarbergen und Wiesbaden tätig. „Ich habe diese Aufgaben in Walluf sehr gerne übernommen, und wir als Gemeinde sind froh, dass es dieses Café gibt – als Treffpunkt zwischen Ehrenamtlern und Geflüchteten. Wir würden uns freuen, wenn auch noch andere Wallufer Bürger dienstags einfach dazukämen.“ Sie ist überzeugt, dass ohne die Ehrenamtlichen die Integration der Geflüchteten in Walluf nicht zu stemmen gewesen wäre. Derzeit wohnen 27 Flüchtlinge in gemeindeeigenen Unterkünften; 16 von ihnen sind Kinder. Viele sind schon seit 2014 in Walluf, andere kamen, als die Unterkünfte in Eltville aufgelöst wurden.

Im vergangenen Herbst wurde die Wallufer Flüchtlingshilfe mit dem Integrationspreis des Rheingau-Taunus-Kreises ausgezeichnet. Bürgermeister Manfred Kohl selbst hatte den Vorschlag eingereicht. Insgesamt umfasse der Helferkreis 40 Wallufer Bürgerinnen und Bürger, allen voran Renate und Robert Zentner, die ab Herbst 2014 die ehrenamtliche Hilfe organisiert und koordiniert hätten. Als Renate Zentner im Herbst 2015 verstorben sei, habe Eva Moore die Leitung übernommen. Mit einer kleinen Delegation aus Walluf nahm sie die Urkunde von Landrat Frank Kilian in Bad Schwalbach entgegen.

Gemeinsam feiern

Stand am Anfang noch die Organisation der Kleiderkammer im Vordergrund, so waren es später Themen wie Arbeit, Praktika, Wohnungssuche, Unterstützung bei Fragen des Alltags, die im Netzwerk-Café besprochen werden konnten. „Als die Kleiderkammer noch in diesem Raum war, durften wir den Raum der Gemeindeversammlung für unser Netzwerk-Café nutzen, aber wir sind froh, dass uns dieser Raum jetzt fest zur Verfügung steht“, sagt Eva Moore. „Und er wird nicht nur für unser Café genutzt. Montags und donnerstags finden hier vormittags Deutschkurse statt und dienstags von 15.30 bis 17.30 Uhr haben wir eine Hausaufgabenbetreuung.“ Die Hausaufgabenbetreuerinnen verweilen anschließend noch in gemütlichen Runde des Netzwerk-Cafés, wie beispielsweise Petra Wagner, die betont, dass sie die Betreuung im Team mit Hanne Arnold, Jutta Huppe und Mechtild Schipp mache.

In der Runde berichten einige von gemeinsamen Unternehmungen, denn manchmal hat das Netzwerk-Café auch außer Haus gefeiert, zum Beispiel bei einem Picknick am Leinpfad. „Die Tische haben sich gebogen.“ Und das, was dort serviert wurde an Rheingauer Spezialitäten und internationalen Gerichten sieht auf den Fotos, die dazu gezeigt werden, lecker und einladend aus. Auch eine Schnippelparty mit „containertem“ Essen von „Lebensmittelrettern“ hat es gegeben – Kürbissuppe, Couscous und Salate. „Ungefähr 20 Leute haben mitgekocht, und mitgegessen haben etwa 60 Leute“, erzählt Eva Moore. „Bis vor zwei Monaten waren wir auch einmal im Monat zu Gast in der Heilandsgemeinde, weil dort zwei junge Männer im Kirchenasyl waren, die das Gelände nicht verlassen konnten.“ Inzwischen sind die beiden Männer in Bayern, wo ihr Asylverfahren neu aufgerollt werden soll.

Ausbildungsplatz gefunden

Die Zeit der Kleiderverteilung ist mittlerweile vorbei; nur noch einige Reste an Winterjacken hängen auf einem Garderobenständer, und auch die meisten Startschwierigkeiten der Flüchtlinge sind geklärt. Viele von ihnen, die vorher regelmäßig kamen, sind inzwischen im Alltag angekommen und schauen von Zeit zu Zeit im Netzwerk-Café vorbei, weil sie den Austausch schätzen. Dieser Treffpunkt am Dienstag soll deshalb auch weiter aufrechterhalten werden, denn noch immer berichten Flüchtlinge, dass sie wenig Kontakt mit Deutschen und somit auch zu wenig Gelegenheit zum Deutschsprechen haben. Einer, der regelmäßig mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn kommt, ist Khalid Hussein. In einer Kurzfassung erzählt er seine Geschichte: 2015 kam er nach der Flucht aus Syrien nach Gießen und etwas später über Bad Schwalbach nach Kiedrich. „Durch Marion Berg habe ich 2016 eine Wohnung in Walluf gefunden, und durch dieses Team hier habe ich mehrere Praktika gemacht.“ Dank Eva Moore und Sebastian Mörbel habe er seinen jetzigen Ausbildungsplatz zum Raumausstatter in Eltville gefunden, was ihm sehr gut gefalle. Großes Glück hatte er auch, dass seine Verlobte, Shayma Hassan, vor zwei Jahren nach Deutschland kommen durfte. Das junge Ehepaar lebt mit seinem einjährigen Sohn seit zwei Monaten in Eltville. Shayma Hassan hatte im vergangenen Oktober beim Stadtlesen auf dem Platz der Deutschen Einheit in Eltville schon einmal einen öffentlichen Auftritt: Sie las die ersten zehn Artikel des Grundgesetzes in arabischer Sprache vor – eindrucksvoll mit sechs weiteren Frauen, die jeweils in ihrer Muttersprache dieselben zehn Artikel lasen.

Somit sind nicht nur Wallufer im Netzwerk-Café vertreten. Auch Sebastian Mörbel, ein Flüchtlingspate der ersten Stunde aus Eltville, kommt regelmäßig. Dieses Mal spielt er mit Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien Uno, kümmert sich auch um technische Belange und – wie bereits erwähnt – hilft er dabei, Kontakte zu Arbeitgebern zu knüpfen. „Ich habe hier so viele interessante Menschen kennengelernt, das macht richtig Spaß“, sagt er.

Sogar ein 13-jähriger Syrer aus Wiesbaden besucht regelmäßig das Treffen am Dienstag. Zu verdanken hat er das Elizabeth Bzdega, einer Walluferin, die als Flüchtlingspatin und als Lesepatin auch in einer Wiesbadener Schule tätig ist. Der heute 13-Jährige kam vor fünf Jahren mit seinem älteren Bruder ohne seine Eltern in Wiesbaden an. „Ich habe ihn einmal ins Netzwerk-Café mitgebracht und er fühlt sich sehr wohl hier, ist inzwischen mit den Leuten vertraut. Das ist ein Stück Heimat – wie die Großfamilie in Syrien, wo alle Generationen zusammen sind“, erklärt Elizabeth Bzdega, die den Jungen dienstags in Wiesbaden abholt und wieder zurückfährt.

Auch politische Arbeit

Eva Moore, die den meisten Wallufern vermutlich besser unter ihrem Geburtsnamen Seidl bekannt ist, hält sich trotz ihrer hervorgehobenen Funktion offensichtlich gerne im Hintergrund. Sie ist Förderschullehrerin in Wiesbaden und hatte ihr Engagement auch längere Zeit auf Wiesbaden ausgerichtet, bevor sie sich ihrer Heimatgemeinde zuwandte. „Das ‚Attentat light‘ hat dazu geführt, dass ich mich hier engagiere“, erklärt sie. Damit meint sie den Anschlag auf die Flüchtlingsunterkunft in der ehemaligen Pension Henz, die Anfang November 2015 unter Wasser gesetzt worden war, bevor die Flüchtlinge dort einziehen sollten. Rund 400 Menschen haben damals in Walluf gegen Fremdenfeindlichkeit demonstriert. Ein großes Stoff-Transparent mit der Aufschrift „Flüchtlinge willkommen“ und den Unterschriften von Hunderten von Wallufern hängt noch im Netzwerk-Café. Nach der Instandsetzung der Unterkunft gehörte Eva Moore damals zu denen, die dort als „Wache“ das Haus bewohnten, bis die ersten Flüchtlinge einzogen.

„Ich sehe Integration als gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt sie. Aufgewachsen ist sie in einer partei- und kommunalpolitisch engagierten Familie, hat für sich aber einen anderen Weg gewählt. „Ich bin in keiner Partei und mache Politik außerhalb der politischen Gremien. Ich gehe auf die Straße oder packe mit an, wo es notwendig ist. Auch hier sitzen, miteinander reden und Tee trinken, kann schon viel verändern.“

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