„Europa sind nicht die anderen, sondern wir alle“

„Europa sind nicht die anderen, sondern wir alle“
Europa-Staatssekretär Mark Weinmeister sprach im JUZ mit jungen Menschen

Mark Weinmeister ist seit 2014 hessischer Staatssekretär für Europa.

Eltville. (chk) – 15 Jahre alt war Mark Weinmeister, als er zum ersten Mal Frankreich besuchte. Die Gelegenheit, die er mit großer Neugier ergriff, bot sich bei einem Schüleraustausch. „Komm aber gesund wieder!“, sagte seine Oma mit warnendem Unterton beim Abschied. Sie hatte damals, zu Beginn der 1980er Jahre, noch kein volles Vertrauen in die Franzosen, hatten sich doch beide Länder in zwei Weltkriegen Jahrzehnte zuvor noch als Feinde bekämpft. Das war eine der Geschichten, die der 51-jährige hessische Staatssekretär für Europa den Jugendlichen, jungen und älteren Erwachsenen bei einem Gespräch im JUZ erzählte.

Seit 2014 ist Mark Weinmeister für die Gestaltung der hessischen Europapolitik zuständig. Zuvor war er Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Seit fünf Jahren gehört es zu seinem „Kerngeschäft“ durch regelmäßige wöchentliche Präsenz in der hessischen Landesvertretung in Brüssel vor Ort Gespräche mit europäischen Entscheidungsträgern zu führen. Darüber hinaus gehört es zu seinen Aufgaben, Bürgerinnen und Bürger über die Europäische Union und damit verbundene Themen durch Gespräche vor Ort zu informieren. Genau das tat er im JUZ auf Vermittlung von Christina Kunkel, die ein Europa-Wochenende insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene im Hinblick auf die Europa-Wahl am 26. Mai initiiert hatte. Das Gespräch war Teil des „Europa-Wochenendes“ der Eltviller Jugendpflege.

Nicht alles, was Weinmeister beim Schüleraustausch vorfand, begeisterte ihn. „Ich habe die französischen Schüler nicht beneidet, dass sie jeden Tag bis 17 Uhr in der Schule waren, während wir in Kassel um 13 Uhr Unterrichtsende hatten“, erzählte er. Auch tote Muscheln hätten nicht unbedingt seinem Geschmack entsprochen. „Aber abends an den Strand gehen mit Baguette, Camembert und einem Schluck Rotwein – das hat mir gefallen.“ Im Laufe der Zeit hätte er immer mehr Unterschiede und immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen Deutschland und Frankreich bemerkt, genauso auch später in Italien und anderen europäischen Ländern. „Die leben anders, aber wir haben auch vieles gemeinsam, auf das man sich verlassen kann“, stellte er fest. „Und gemeinsam ist immer besser, deshalb bin ich auch ein Werber für Europa.“

„Was ist denn eure Meinung zu Europa?“, wollte Weinmeister von den jungen Menschen wissen, von denen die meisten zum ersten Mal bei einer Europa-Wahl abstimmen dürfen. Einige berichteten vom Schüleraustausch in England, wo die Häuser schmal und das Essen nicht gut gewesen sei, was aber von anderen widerlegt wurde, die in Familien waren, wo es leckeres Essen gab. Ebenso wurden kontroverse Eindrücke von Barcelona wiedergegeben. Christina Kunkel, die als Erasmus-Studentin in Frankreich war, bezeichnete die Zeit als „beste Zeit des Studiums“.

Von den jungen Gästen wurde die Frage nach Weinmeisters Einschätzung zum Brexit gestellt. Wie der Brexit ausgehe, könne er auch nicht beantworten – ob mit einem Deal, „no deal“ oder einem neuen Referendum. Er kenne Familien, die vor Familienfeiern festlegten, dass nicht über den Brexit gesprochen werden dürfe, weil der Riss, der damit durch Gesellschaft und Familien ginge, sehr tief sei. Dass es beim Referendum in Großbritannien zu einer knappen Mehrheit für den Ausstieg aus der EU gekommen sei, liege vor allem am Wahlverhalten der jungen Wählerinnen und Wähler. „Sie sind zum größten Teil nicht gegen Europa und die EU, aber sie sind bei der Abstimmung nicht wählen gegangen“, erklärte Weinmeister. Hinterher sei das Erschrecken groß gewesen, denn auch ein Großteil der jungen Briten hätte die Zukunft in Europa als selbstverständlich angenommen.

„Europa ist eigentlich ein Friedensprojekt“, stellte Mark Weinmeister klar, „aber für die Briten war das nicht so – es zählte immer der wirtschaftliche Aspekt.“ Die Regierenden hätten immer alles Negative auf die EU geschoben und so eine schlechte Stimmung im Land verbreitet. „Nach Europa gehen“, hätte auch immer bedeutet „auf den Kontinent zu gehen“ und die Briten hätten sich nie als selbstverständlichen Teil Europas gesehen, wo man einfach, ohne den Pass zu zeigen, über die Grenzen gehen und mit derselben Währung bezahlen kann. Christina Kunkel brachte es im Hinblick auf das Wahlverhalten der jungen Briten auch für die Europawahl auf den Punkt: „Wenn wir junge Leute nicht wählen gehen, sind wir einfach nur dumm.“

Kontrovers diskutiert wurde nicht, denn Weinmeister war sich mit dem Publikum einig, dass die großen Themen wie Klimaschutz und Mobilität nur gemeinsam gelöst werden können. CO2 mache nicht an den Ländergrenzen halt. „Es gibt Menschen, die von der Rückkehr der Grenzen träumen und glauben, dass die einzelnen Mitgliedstaaten eigentlich alleine besser dran wären. Das ist blanker Unsinn. Ich hoffe, dass Europa sich fortentwickelt und nicht zurück“, sagte er weiter. Er sieht die Wahl zum Europäischen Parlament am 26. Mai jedoch nicht als Schicksalswahl, denn die Europäische Union habe schon andere schwere Krisen überstanden. „Die Wahl wird aber die Richtung weisen, welchen Weg Europa in den nächsten Jahren geht.“ Und er hob hervor: „Europa ist nicht nur Straßburg oder Brüssel, sondern auch Eltville oder Offenbach. Und Europa sind nicht die anderen, sondern Europa sind wir alle.“

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