„Ungeahntes Leid verbirgt sich in unserer Warenwelt“

Benjamin Pütter sprach in der Völkermühle über Kinderarbeit / Vortrag über Zoom

Kinderarbeitsexperte und Kämpfer für die Rechte von Kindersklaven: Benjamin Pütter.

Eltville. (chk) – „Kleine Hände – großer Profit. Kinderarbeit in Indien“ lautete die jüngste Folge der Reihe „Völkermühle“ der Philipp-Kraft-Stiftung. Die Veranstaltung mit Referent Benjamin Pütter war im Mai 2020 eigentlich in der Mediathek Eltville vorgesehen, was aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht möglich war und voraussichtlich auf absehbare Zeit nicht möglich sein wird. Deshalb gab es als Völkermühle-Premiere den Vortrag über Zoom – einer inzwischen bekannten und beliebten Plattform zum Abhalten von Videokonferenzen.

 

Stiftungsgründer Rolf Lang begrüßte das Publikum zu Hause an den Computer- oder Smartphone-Bildschirmen. Sogar Teilnehmer aus Indien waren dabei, unter anderem Musiker, die sich in Indien gegen Kinderarbeit engagieren und am Ende noch einen kleinen musikalischen Beitrag darboten. Rolf Lang kennt Benjamin Pütter vom Internationalen Versöhnungsbund her, einer Friedensorganisation, in der er sich seit Ende der 1970er Jahre engagiert. Ulrich Bachmann übernahm wie in allen Völkermühlen-Folgen die Rolle des Moderators, die er auch über Zoom souverän bewältigte. Er befragte Benjamin Pütter und ließ im Anschluss Teilnehmer zu Wort kommen. Technisch und organisatorisch unterstützte die Geschäftsführerin der Philipp-Kraft-Stiftung, Gaby Roncarati, die Webkonferenz.

Erschreckende Zahlen und schockierende Bilder über Kindersklaven, vor allem in Indien, präsentierte Benjamin Pütter in einer PowerPoint-Präsentation. Der Kinderarbeitsexperte bereist seit fast 40 Jahren Länder, in denen Kinderarbeit besonders verbreitet ist. Allein in Indien, dem Land mit weltweit den meisten Kinderarbeitern, war er über 80 Mal. Bis 2020 war er Berater für die Bereiche Kinderrechte und Kinderarbeit beim Kindermissionswerk „Die Sternsinger“. In der Corona-Zeit waren diese Reisen nicht möglich, aber Pütter hat bereits Pläne für Reisen nach Indien, Bangladesch und Pakistan, sobald er geimpft sei, antwortete er auf eine entsprechende Frage von Ulrich Bachmann.

150 Millionen Kinderarbeiter

Benjamin Pütter war schon einmal in Eltville. Im Sommer 2005 hielt er auf Einladung von Lehrerin Brigitte Scheu einen Vortrag in der Gutenberg-Realschule. Die präsentierten Bilder legten nahe, dass sich in den 15, fast 16 Jahren seitdem nichts verbessert hat. „Doch, die Situation ist in den letzten 15 Jahren besser geworden, weil viel weniger Kinder arbeiten müssen und viel weniger unter ausbeuterischen, gesundheitsschädigenden Bedingungen zu leiden haben“, widersprach Pütter diesem Eindruck. „Allerdings ist die Zahl immer noch sehr hoch.“ Er spricht von 150 Millionen Kinderarbeitern, von denen 70 Millionen unter ausbeuterischen, gesundheitsschädigenden Bedingungen arbeiten müssen. Wenn er von Kinderarbeit rede, würde er oft das Argument hören: „Ich musste früher als Kind auch mithelfen“, doch das verstehe er nicht unter Kinderarbeit oder Kindersklavenarbeit. „Kinderarbeiter gehen nicht zur Schule“, stellte er klar. In Indien sei Kinderarbeit offiziell verboten, denn das Land habe die UN-Kinderrechtskonvention unterschrieben. In Deutschland sei Kinderarbeit zwar nicht akzeptiert; das ändere aber nichts daran, dass es gängige Praxis sei, dass viele Unternehmen in Europa und in Deutschland die ausbeuterische Kinderarbeit ihrer Geschäftspartner in Kauf nehmen, um möglichst billige Produkte zu erhalten. Manche Arbeiten sind keine körperlich schweren Arbeiten, wie beispielsweise Räucherstäbchen drehen, was jedoch dazu führe, dass Kinder Giftstoffe einatmen. Teile für Flip-Flops schneiden oder Glasarmreifen herstellen, bergen Verletzungsgefahren. „Aber wir profitieren davon, wenn wir so preisgünstig kaufen.“ In vielen Produkten stecke Kinderarbeit und damit viel Leid, das in Deutschland von Konsumenten oft unbewusst und unbeabsichtigt in Kauf genommen werde. Dazu zählen Teppiche, Schmuck und Kleidungsstücke.

Die schlimmsten Zustände für Kindersklaven herrschen offenbar in indischen Steinbrüchen, wo kleine Mädchen Steine von Hand zu Schottersteinen kleinhämmern und sich Verletzungen an den Fingern zuziehen, die niemals ordentlich behandelt werden. Jungen arbeiten mit viel zu schwerem Gerät und die gesundheitliche Belastung durch Staub ist unbeschreiblich. Die Kinder in den Steinbrüchen arbeiten ohne jeden Schutz, Verkrüppelungen, Augen- und Lungenschäden sind weit verbreitet. Manche Kinder sterben an den Folgen und werden in den Steinbrüchen verscharrt. „Wir haben acht Steinbrüche in Indien besucht, die Exportware, wie Pflaster- und Grabsteine, für Deutschland herstellen – in sieben haben wir verbotene Kinderarbeit festgestellt“, berichtete Pütter. Einer seiner Kooperationspartner, der Prüfer für das vertrauenswürdige Xertifix-Siegel in Indien ist, war ebenfalls bei Zoom zugeschaltet. Dafür werden unangekündigte Kontrollen in den Steinbrüchen gemacht, um sicherzustellen, dass es keine Kinderarbeit und allgemein faire Arbeitsbedingungen gibt. Ob auch andere Siegel vertrauenswürdig sind, können Konsumenten vor Kaufentscheidungen auf www.label-online.de prüfen.

Benjamin Pütter hat mit Partnern in Indien unzählige Kindersklaven befreit und mit indischer und deutscher Unterstützung Schulen gegründet und Sozialprojekte zur Wiedereingliederung ehemaliger Kindersklaven begleitet, denn er findet es verantwortungslos, Kinderarbeiter zu befreien, ohne Alternativen zu bieten. Schuld an der Ausbeutung der Kinder seien extreme Armut, fehlende Schulen und in Indien auch teilweise das Kastenwesen. Es bedürfe auch der Aufklärung der Eltern, um an diesem System etwas zu ändern. Seine Erfahrungen hat Pütter in seinem 2017 erschienenen Buch „Kleine Hände – großer Profit: Kinderarbeit – Welches ungeahnte Leid sich in unserer Warenwelt verbirgt“ niedergeschrieben. Außerdem gibt es viele Reportagen und Fernsehberichte über seine Arbeit, die über das Internet aufgerufen werden können.

Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer meldeten sich anschließend zu Wort und zeigten tiefe Betroffenheit angesichts der Bilder und Informationen. Guntram Althoff will als Stadtverordneter einen Antrag stellen, dass auf Eltviller Friedhöfen keine Grabsteine aus Kinderarbeit zugelassen werden sollen. Er arbeitet wie Barbara Lilje mit im Steuerungskreis der Fairtrade-Stadt Eltville. Als Amtsleiterin für Wirtschaftsförderung versicherte sie, dass die Stadt das Lieferkettengesetz unterstütze und sich in allen Bereichen für faire Produkte einsetze.

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