Stadtführung zu Gunsten der Orgel

Edwin Schneider gibt Besuchern Einblick in Lorcher Geschichte

Rund 20 Teilnehmer begrüßte Edwin Schneider am Sonntag am „Wisper Grill“, weitere Interessenten standen auf einer Warteliste.

Lorch. (sw) – Um weiter Geld für die sanierungsbedürftige Orgel der St. Martin Kirche zu sammeln, lud Gästebegleiter Edwin Schneider am vergangenen Wochenende zu zwei besonderen Stadtrundgängen ein. „Es ist eine Prämiere für mich, da ich die Veranstaltungen erstmals selbst organisiert habe“, erklärte der Gästebegleiter. Normalerweise ist er im gesamten Rheingau mit Touristen unterwegs, am Samstag und Sonntag ging es für die Teilnehmer mit ihm aber durch seinen Heimatort. „Da freue ich mich natürlich besonders über die große Resonanz“, so Schneider.

Für beide Tage hatte es so viele Anmeldungen gegeben, dass sogar eine Warteliste entstand. „Es ist mir wichtig die Teilnehmerzahl zu begrenzen, um stets die Abstandsregeln einhalten zu können.“ So begrüßte er am Sonntag erneut rund 20 Teilnehmer am Treffpunkt neben dem „Wisper Grill“. An beiden Tagen fanden sich hier nicht nur Teilnehmer aus dem Rheingau, sondern auch aus Wiesbaden, Frankfurt, Mainz, Köln, Bingen oder Weisel ein. Nachdem schließlich alle Teilnehmer auch die letzte Baustelle auf dem Weg nach Lorch hinter sich gelassen und sich am Treffpunkt eingefunden hatten, ging es kurz nach 16 Uhr los. „Einige haben schon gefragt, wann sie ihren Beitrag bezahlen können, damit warten wir noch etwas. Erst einmal soll das Ganze ja gefallen“, so Schneider, bevor sich die Gruppe in Richtung des Hilchenhauses in Bewegung setzte.

Hilchenhaus war der erste Anlaufpunkt

Am Hilchenhaus angekommen und die monumentale Fassade im Rücken gab Schneider den aufmerksamen Teilnehmern einen Einblick in die von zahlreichen Adelshäusern geprägte Geschichte Lorchs, zu denen auch Ritter Hilchen zählte. Den Fokus legte er dabei vor allem auf die Geschichte des Gebäudes. „Nachdem die Familie Hilchen ausgestorben war, ist das Hilchenhaus seit 1920 im Besitz der Familie Graf von Kanitz.“ Neben der älteren Geschichte thematisierte er auch den zwischenzeitlichen Verfall und den schlechten Zustand, nachdem eine Investorengruppe, die 1999 mit einem Umbau begann, insolvent gegangen war. Im Anschluss war die Stadt Lorch in den Erbpachtvertrag mit der Familie Graf von Kanitz eingetreten und mit der Zugehörigkeit zum Welterbe konnten schließlich Umbaumaßnahmen für rund 6,7 Millionen Euro durchgeführt werden. „Hier unten wo sie die kleinen Fenster sehen, war einst der Viehstall zu finden, später eine Weinschänke und nun das Restaurant Hilchenkeller“, erklärte Schneider. Nach weiteren baulichen Informationen zum Hilchenhaus, ging es für die Gruppe weiter zum nahegelegenen Strunk.

Handel, Wehrturm und Hexen

„Viele fragen sich warum eine so kleine Stadt einen so großen und eindrucksvollen Wehrturm besitzt. Doch im Mittelalter war Lorch eine sehr wohlhabende Stadt und ein wichtiger Ort für den Warentransport auf dem Rhein“, so Schneider. Als man zu dieser Zeit Waren mit Treideln auf dem Rhein transportierte, war das Binger Loch ein großes Hindernis und konnte so nicht überwunden werden. Deshalb wurden in Lorch die Waren für den Transport über Land verladen und nach Rüdesheim gebracht, wo es wieder zurück auf den Rhein ging. Als solch wichtige Handelsstadt musste natürlich auch für den entsprechenden Schutz gesorgt werden, sodass Lorch noch heute über den imposanten Wehrturm verfügt.

Mit gebührendem Abstand ging es dann auch einmal in den Strunk hinein. Die Teilnehmer, die diesen bereits besichtigt hatten ließen dabei den anderen den Vortritt, damit trotz Masken weiter Abstand gehalten werden konnte. Im Inneren zeigte Edwin Schneider den Teilnehmern nicht nur von wo aus man damals alles im Blick hatte und man sich heute das Jawort geben kann, sondern hatte auch eine kleine Geschichte im Gepäck. Mit wenigen Handgriffen hob er einen Deckel auf dem Boden des Raumes an und gab damit den Weg auf den kleinen Kerker des Wehrturms frei. „Hierzu habe ich eine kleine Geschichte für sie. So soll damals eine Gruppe Männer mit einer festgenommenen Frau nach Lorch gekommen sein, der sie vorwarfen eine Hexe zu sein und baten die Lorcher diese im Kerker einzusperren. Gutgläubig taten diese das auch, bis eine Familie aus Presberg die Lorcher darauf aufmerksam machte, dass es sich bei der Frau um die Schwiegermutter eines der Männer handelte, die dieser so versuchte loszuwerden“, berichtet Schneider. „Natürlich wurde die Frau dann auch umgehend wieder freigelassen.“, ergänzte er und sorgte mit dieser Geschichte für einige verdutzte Gesichter und Lacher.

550 Euro für die Orgelsanierung

Über die steinerne Brücke ging es dann weiter, vorbei am aus dem 18. Jahrhundert stammenden Leprosenhaus weiter an das Ufer der Wisper, wo der Gästebegleiter einen Einblick in das Leben an dem sich durch Lorch schlängelnden Fluss gab. „Dazu gehören natürlich auch besonders die zahlreichen Weingüter und Straußwirtschaften“, wie er verriet. Stellvertretend machte man so auf dem Weg zur Kirche halt im Hof das Weinguts Laquai. Über den Markt ging es schließlich zu dem imposanten Gotteshaus mit seinen zahlreichen Kunstgegenständen. Zwar teilte Schneider mit den Teilnehmern einige Informationen zur Kirche und dem besonderen Altar, verwies dann aber auf die Kirchenführungen von Josef Hermann, der sich bei diesen auch den Kunstgegenständen widmet. In der Kirche angekommen wurde die Gruppe an der Orgel von Organist Johannes Muth begrüßt. Mit verschiedenen Musikstücken zeigte er die zahlreichen Facetten der Ratzmann-Orgel, die es nun zu sanieren gilt. Natürlich durfte da auch nicht das Highlight zu kurz kommen, das Riesling-Register. Im Stück „Le coucou“ von Daquin versteckte sich das Gezwitscher dieses einzigartigen Registers. Durch die Betätigung des Registerzugs „Riesling 2f“ ertönt allerdings nicht nur das Gezwitscher, es öffnet sich auch eine kleine Tür hinter der sich zwei Flaschen Riesling und zwei Gläser verstecken. Passend zu diesem Highlight der Führung ließ Schneider dann den Kollektenkorb herumgehen. Zum Abschluss ging es nach draußen, wo neben der Kirche gemeinsam ein Riesling „gezwitschert“ werden konnte.

Neben den kleinen Orgelkonzerten, dem „Rieslinggezwitscher“, hatte man um Geld für die Sanierung der Orgel zu sammeln, in einer Kooperation des Weinguts Laquai mit dem Künstler Michael Apitz den passenden Wein geschaffen. Diesen konnten die Teilnehmer verkosten und auch mit nach Hause nehmen. Insgesamt kamen so an den beiden Tagen 550 Euro für die Orgel zusammen. 420 Euro davon ergeben sich aus Spenden der Teilnehmer und weitere 130 Euro aus dem Verkauf des Riesling-Gezwitscher-Weins, so Schneider.

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