Als die „Altweibermühle“ die Narren verzückte

Als die „Altweibermühle“ die Narren verzückte
Vorsitzender Stefan Weser vom Verein Weindorf Hallgarten beleuchtete humorvoll die Historie der Hallgartener Fassenacht

Dicht gedrängt hatten sich die Zuhörer in Scharen eingefunden, die der Einladung des Vereins „Weindorf Hallgarten“ gefolgt waren.

Hallgarten. (sf) – Lang ist es nicht mehr hin, bis am 11. November wieder die fünfte Jahreszeit beginnt. In Hallgarten gab es vergangenen Freitagabend schon mal einen Vorgeschmack: Unter dem Motto „Tusch, Narhallamarsch und Helau – ein närrischer Zug durch die Hallgartener Fassenacht“ beleuchtete der Vorsitzende des Heimatvereines „Weindorf Hallgarten“, Stefan Weser, die Historie der Hallgartener Fassenacht. Und das Thema traf auf riesiges Interesse. Bis auf den allerletzten Stuhl war das Hallgartener Pfarrheim „Maria Himmelfahrt“ besetzt.

Dicht gedrängt hatten sich die Zuhörer in Scharen eingefunden, die der Einladung des Vereins „Weindorf Hallgarten“ gefolgt waren. Und sie wurden nicht enttäuscht. Stefan Weser hatte in seinem Vortrag närrische Geschichte und Geschichten aus Hallgarten zu bieten.

So erläuterte er, dass es schon 1879 einen Hallgartener Carnevalverein gab. „Mit diesem Verein hatte ich es aber nicht leicht. Es gibt kaum Berichte über Aktivitäten oder sonstige Spuren in Form von Annoncen, geschweige denn Vereinsunterlagen. 1935 fand jedoch ein „karnevalistischer Abend“ statt, der in der Presse gar überschwänglich gefeiert wurde und mit Attributen wie „vorzüglich“, „köstlich“ und „erstklassig“ belegt wurde. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg war der Verein aktiv und organisierte unter seinem Vorsitzenden Paul Petri 1948 wieder eine Kappensitzung“, so der Referent.

Richtige karnevalistische „Duftmarken“ hätten aber im 19. Jahrhundert zunächst die Gesangvereine gesetzt. „1883 lud der Gesangverein „Liedertafel“ am Fassenachtsmontag zu einem „Konzert & Ball“. Das „Entree“ kostete für Herren 50 Pfennig, eine Dame war „frei“. Fürs Tanzen musste extra bezahlt werden“. 1884 lud der „Männergesangsverein“ zu einem „Konzert“ ein, welches am Fassenachtssonntag stattfand. „Auch hier war ein Fassenachtshintergrund vorhanden, auch wenn sich das ein wenig verschämt hinter den Begriffen „Ball“ und „Konzert“ verbarg“, erklärte Weser. Die Turngesellschaft habe dann 1910 zu einem „Maskenball mit Preisverleihung“ eingeladen. „In den 1920er Jahren hatte das Treiben an den Fastnachtstagen offenbar einige wilde Auswüchse gehabt. Von einer „Vergnügungssucht“ sprechen die zeitgenössischen Quellen und Pfarrer Fischbach bemerkte betrübt in der Pfarrchronik: „Aber bei all dem Elend scheint das Volk immer toller zu werden. Drei Tage tollte und tobte die Jugend und auch viele Alte an den Fastnachtstagen.“ Und dass Sozialisten sich mit Plakaten in den Umzug wagten, empfand der politisch durchaus aktive Pfarrer als „Desaster für Hallgarten“, so der Referent. Stefan Weser erinnerte auch an die frühen 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, die in der Erinnerung vieler Hallgartener und Anwesender noch heute als eine Hochzeit der Hallgartener Fassenacht gelten: „ Da wurde mit wenig Geld und Material, aber viel Begeisterung, Improvisation und Witz gesägt, gehämmert und gedichtet. Die Wagen, insbesondere des „Männergesangvereins“, waren legendär und die „Bunten Abende“ der „Liedertafel“ brachten den Saal alljährlich mit einem stundenlangen Programm zum Kochen.

Der Wagen mit der „Altweibermühle“ versprach „In vier Minuten vierzig Jahre jünger“ und die oben hinein gesteckten „alten Schachteln“ purzelten unten als „junge Dinger“ wieder heraus – das närrische Volk johlte vor Begeisterung“, so Stefan Weser. Ob Verkehrsverein, Freiwillige Feuerwehr, Sportverein, VdK oder Winzerverein, beim Fastnachtszug sei damals fast jeder mit dabei gewesen. Angeführt habe den närrischen Lindwurm damals traditionell der Komiteewagen des Carnevalsvereins, hinter ihm wälzte sich dann ein beachtlicher Zug durch die Hallgartener Gassen. „Auch die Mondrakete des Turnvereins und der Wagen mit dem Hochsitz, auf dem der Jäger, in diesem Fall der „echte“ Hallgartener „Schütz“, saß und betrunken eingeschlafen war, sind unvergessen. Letzterer wurde kurzerhand am Ende des Zuges auf dem Markplatz abgekippt“, erinnerte der Referent seine begeisterten Zuhörer, von denen manch einer ein Zeitzeuge des Geschilderten war. „Bei der Liedertafel standen in den Hochzeiten 80 bis 85 Mitwirkende auf der Bühne und der Verein produzierte von Jahr zu Jahr neuen Nachwuchs. Doch auch der „Lumpenball“ der Turngesellschaft oder die Maskenbälle des VdK oder der Feuerwehr sorgten für närrische Kurzweil“, so Weser.

Er erinnerte auch daran, dass in den 70er Jahren die Hallgartener sich „per Fassenacht“ gegen die drohende Eingemeindung wehrten und für die Fastnacht auf einem Wagen ihr Dorf als „Festung Hallgarten“ präsentierten.

Ein ganz eigenes Kapitel habe auch die Frauenfassenacht der Katholischen Frauengemeinschaft geschrieben. „Sie zeigte auf ihre Art, dass auch die Kirche feiern kann und Spaß versteht. Da standen selbst Pfarrer und Diakon nebst Küster auf der Bühne“. Einen Neuanfang habe der Hallgartener Fassenachtszug in den 80er Jahren erlebt: „Nun konzipiert als Kinderfassenachtszug, setzte man den Fokus auf Fußgruppen und bezog Kindergarten und Schule aktiv mit ein. Auch wenn sich der Zug seitdem ganz allgemein zum Familienzug hin entwickelt hat, ist man mit diesem Thema sehr gut gefahren. Seit einigen Jahren steht der Zug unter der Ägide des Verkehrs- und Verschönerungsvereins unter Mithilfe weiterer Hallgartener Vereine und hat sich seitdem prächtig entwickelt. Sogenannte „Wummerwagen“ wird man in Hallgarten hoffentlich auch in Zukunft nicht finden. Man lebt von der Phantasie der Fußgruppen und dem Engagement der Vereine und Helfer“, hielt Stefan Weser fest und schloss seinen unterhaltsamen Vortrag, ganz im Sinne des Themas, mit ein paar lustigen Reimen auf die Hallgartener Fassenacht.

Der Vortrag ist auch diesmal wieder als „Hallgartener Geschichtsheft“ Nr. 26 erschienen und kann in der Hallgartener Filiale der Backerei Laquai oder bei den Vorstandsmitgliedern des Vereins zum Preis von 3 Euro erworben werden. Kontaktdaten findet man auch unter www.weindorf-hallgarten.de.

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