Bergrutsch erschüttert Kaub

Aktuelles Unglück in Kestert weckt Erinnerungen an 1876

Der Bergrutsch in Kaub wurde zeichnerisch festgehalten.

– Angesichts der aktuellen Ereignisse eines Hangrutsches in Kestert erinnert der Heimat- und Kulturverein Kaub mit Archivmaterial an das Unglück von 1876, das im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts schon für Schlagzeilen sorgte und zeigt dabei, dass die Hänge am Rhein schon mehrfach die Menschen am Fluss bedrohten.

Schon seit Anfang März 2021 wurde in den Medien vom Felssturz bei Kestert berichtet, durch den die rechtsrheinische Bundesbahnstrecke und die B42 blockiert und für den Durchgangsverkehr gesperrt wurden.

Von ähnlichen Ereignissen um Kaub – bis 1934 häufig mit C geschrieben - berichtete der Rheingauer Anzeiger (RZ) u.a. in den Jahren 1871, 1876 und 1881 sowie die Deutsche Bauzeitung vom 19. Juli 1876.

RZ 1871: Caub, 12. Februar: “Viele unserer Weinbergsbesitzer sind in den letzten Tagen von einem nicht unerheblichen Schaden betroffen worden. Die Oberschicht eines Berghanges, der sogenannten Kalkgrube, etwa 50-60 Morgen Weinberge im Werte von circa 80.000 fl. umfassend, hat sich wahrscheinlich in Folge des häufigen und schroffen Winterwechsels nach dem Fuße des Hanges gesenkt und sind fast sämtliche Mauern auf Letzterem eingestürzt. Die meisten derselben rutschten in der Nacht vom 9. auf den 10. ein und liegt die Vermutung nahe, dass der auch hier stark verspürte Erdstoß nicht ohne Einfluss darauf gewesen sei.“

RZ 1876: Caub 7. Januar: „Mit Hilfe eines erklecklichen Staatszuschusses von 45 000 Thalern (wurde) die Ablegung der Rutschmasse in der Weise begonnen, dass das zerbröckelnde Felsgestein losgelöst und die Stadt gegen diese durch eine auf 30 Fuß dicke Mauer geschützt wurde.“ Die Arbeiten zur Beseitigung der Gefahr an dem Bergrutsch sind in ein neues Stadium getreten und schreiten voran.“

Doch es kam anders. Kaub wurde vom 10. auf den 11. März von einer Katastrophe heimgesucht, der einem Bericht des Steuermannes Johann Heller zufolge 26 Personen zum Opfer fielen und der Verlust von vier Pferden, fünf Kühen, einem Rind, zwölf Ziegen und sechs Wohnhäusern zu beklagen war.

RZ 1876: „13.März. Schon seit einigen Jahren hielt der über der Stadt liegende Berg-Distrikt, "Kalkgrub", die Cauber in Angst. Hier hatte sich eine Partie Felsgestein und Weinbergsgelände von einer schluchtartigen Unterlage abgelöst und war in einer Masse von etwa 100.000 Kubikmeter in stetiger langsamer Bewegung gegen die mittlere Stadt hin, wo die hintere Häuserreihe dicht am Fuße des Gebirges angebaut ist, abgerutscht.“ „Seit der eingetretenen nassen Witterung zeigten sich wiederholt die Anzeichen, dass die in Bewegung befindlichen Bergmassen immer mehr und mehr gegen die davor gelegenen Häuser heranrückten, so dass sich der Herr Bürgermeister nicht ohne Grund veranlasst sah, die Bewohner derselben zu warnen und zum Auszug aufzufordern. Da solche Mahnungen schon früher ergangen waren, ohne dass die Befürchtungen sich bestätigten, blieb der größte Theil der Bewohner sorglos in den Wohnungen und wurden so acht Häuser mit 31 Personen im Schutt begraben. Das ganze Stadtviertel war in eine dichte Staubwolke gehüllt. Bei den gestern sofort durch die hiesige Feuerwehr und die inzwischen von Koblenz eingetroffenen 45 Pioniere begonnenen Rettungsarbeiten gelang es, drei Lebende und fünf Leichen, letztere teilweise verstümmelt, auszugraben.“

RZ März 1876: „Bei dieser Gelegenheit möchte ich zur Aufklärung vielfacher Missverständnisse noch besonders hervorheben, dass die beklagenswerte Katastrophe in der Nacht vom 10-11. d.M. nicht durch Abrutschen von einem Teile der seit längerer Zeit oberhalb der Stadt Caub in fortschreitender Bewegung befindlichen Felsmassen, sondern vielmehr von einem Durchbruche bisher unbekannt gewesener unterirdischen angespannter Wassermassen am untersten Theile des Berggehänges herbeigeführt worden ist, den man früher stets als fest und außerhalb der Bewegung befindlich gehalten hatte, indem das plötzlich hervorbrechende Wasser die am Fuß des Berges lagernden Schuttmassen mit außerordentlicher Gewalt fortgerissen und auf die unmittelbar darunter gelegenen Häuser gestürzt hat.“

Am 19. Juli 1876 veröffentlichte die Deutsche Bauzeitung in der Ausgabe 58 auf den Seiten 291 und 292 einen Bericht des Baumeisters Biedermann. Er war am 12. April 1876 von der königlichen Regierung in Wiesbaden mit Aufnahme der Situation und Veranschlagung der zu treffenden „Sicherheitsmaßregeln“ beauftragt worden. Seinen Bericht geben wir hier im Folgenden in Auszügen wieder.

„Die ganze Fläche, auf welcher die Rutschung sich erstreckte, hatte eine Längenausdehnung von etwa 250 Meter bei einer Breite von 50 bis 80 Meter.“ „Das Rutschgebiet wurde bereits seit Oktober 1874 durch ausgesteckte Visirlinien, deren Eckpunkte auf festem Boden eingerichtet waren, beobachtet.“ „Die Bewegungen hatten demnach nur sehr langsam stattgefunden; dennoch war im Februar dieses Jahres mit Aufführung einer breiten Trockenmauer begonnen, um hierdurch teilweise den Bewegungen Einhalt tun zu können. Desgleichen war die Abtragung der am meisten gefahrdrohenden Bergmassen eingeleitet und endlich war durch den Stollen Karlszeche die Lösung innerer Wassermassen versucht worden, wenngleich ohne besonderen Erfolg.“

„Nur das anhaltende und bedeutende Regenwetter dieses Frühjahres hat die Katastrophe so schnell, wie geschehen, herbeigeführt. „Es war die auf nordwestlicher Seite zu Tage tretende Lettenschicht durch die anhaltenden Regengüsse wie mit Seife geschmiert und diente nun der auflagernden, teilweise schon gelösten, sehr vom Wasser durchzogen und schwer gewordenen Fels- und Schuttmassen als Rutschfläche.“

Abgetragen wurden aus dem oberen Bereich 5.000 Kubikmeter in das Blüchertal über eine Strecke von 130 Meter. 30.000 Kubikmeter aus dem mittleren Bereich wurden in Richtung Sauerthal über 370 Meter abtransportiert. Dadurch sollten die unteren Massen entlastet werden. Diese wurden in einem Umfang von 60.000 Kubikmeter an den Rhein gebracht und zur Regulierung des Rheinufers verwendet.

Das Unglück hatte deutschlandweit eine hohe Beachtung erfahren. Im Rheingau wurden für die Opfer Spenden gesammelt. Kaiser Wilhelm I. und Kaiserin Auguste besuchten mit einem Sonderzug Kaub am 1. Mai 1876.

RZ: „Caub, 23. November. (Bergrutsch) Allem Anscheine nach ist die Ansicht der Herren Techniker, dass das Wasser in dem Gebirge das Rutschen der Gebirgsmasse nach der Stadt zu veranlasse, wirklich richtig, denn seit einigen Tagen läuft schon aus 3 Stollen, die man zur Abzapfung des Wassers in den Berg hineintreibt, ziemlich viel Wasser ab. Wie man hört, soll dasselbe in allen Stollen von der Seite her eintreten, nach welcher hin alte Schiefergruben vorliegen, worin sich große Wassermassen angesammelt haben. Man erwartet deshalb auch gegen das Frühjahr, d.h. nach dem Schneeabgang, noch einen stärkeren Wasserzulauf in den Stollen und trifft bereits Anstalten zur Legung einer Röhrenleitung, um dies Wasser unterirdisch abzuleiten.“

RZ 1881: 1. Januar Caub, 31. December. Gestern früh ½ 7 Uhr fand unterhalb Caub wieder ein Bergrutsch statt, welcher den Bahnkörper über 20 Meter weit verschüttete, so dass der Eisenbahnverkehr eine Unterbrechung erlitt, welche indessen heute früh wieder soweit beseitigt war, dass die Züge wieder planmäßig fahren können.

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