„Die Gitarre ist ein Instrument,das ich umarmen kann“

Über ihre Projekte, die Musik und sie als Person: ein Portrait der Gitarristin Yuliya Lonskaya

Yuliya Lonskaya kann ihre Musikalität am besten an der Gitarre ausleben.

Rheingau. (lk/mg) – Wenn Yuliya Lonskaya von ihrer Gitarre erzählt, kommt sie ins Schwärmen. „Ein Instrument, das man umarmen und in den Händen spüren kann“, wollte sie spielen und das tut sie – die Gitarre spielen und sie dabei umarmen. Bevor sie zur Gitarre kam, hatte Lonskaya als kleines Kind ein Jahr lang Klavier gespielt. Dieses Instrument mag sie heute noch sehr, hat sich dann aber recht schnell für die Gitarre entscheiden. Außerdem wollte sie ihr eigenes Instrument.

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„Es war für mich immer komisch, dass ich den Flügel spiele und dann kann jeder den gleichen Flügel auch spielen“, erzählt sie. Eine „magische Bindung“ mit ihm aufbauen konnte sie nicht. „Ich konnte einfach drücken und dann kommt der Sound.“

Mit der Gitarre war das anders: Es gibt viele Kombinationen und Manipulationen, die man mit dem Instrument machen muss, bevor man saubere Töne zu hören bekommt. Zur Gitarre kam sie, als sie neun Jahre alt war. Ihr Onkel, der bekannte weißrussische Gitarrist Igor Lonskiy, war ihr erster Lehrer.

Seitdem ist viel passiert. Die gebürtige Weißrussin ist nach ihrem Studium in Weißrussland 2006 nach Deutschland gekommen. In Karlsruhe machte sie das Konzertexamen als oberste Stufe ihrer akademischen Laufbahn. Eigentlich hatte sie geplant, nach ihrem Abschluss zurück nach Weißrussland zu gehen. „Erst später habe ich verstanden, dass Deutschland damals, und jetzt ist es auch noch so, ein wunderbares Land für Künstler ist. Wir dürfen hier Konzerte spielen, wir dürfen hier unterrichten und wir haben sehr viele Anfragen als Künstler. Und auch als Lehrerin habe ich sehr viele Anfragen. Wir können uns hier sicher sein. Wir dürfen über die Grenze weiterfahren für unsere Konzerte. Das ist ganz wichtg. So etwas kann ich nicht in Weißrussland.“

Musikpreise hat Lonskaya schon einige bekommen, unter anderem ist sie Preisträgerin der internationalen Wettbewerbe in Polen und Großbritannien. 2001 bekam sie etwa den „Ivor Mairants Guitar Award” in London verliehen. Doch ihr selbst sind diese Preise nicht so wichtig. Für sie waren das Wettbewerbe, nicht etwa eine „nächste Stufe“ in ihrer Musik. Lonskaya sieht Musikpreise eher an wie eine „gute Motivation zum Üben“. Jedoch sind sie für sie „mehr Sport als Musik“. „Und ich mag Musik mehr als Sport!“, fügt sie hinzu.

Apropos Sport. Zu Lonskayas Hobbys zählen neben der Musik, die unter anderem durch Übungszeiten auch privat viel Zeit einnimmt, auch Tennis und die Malerei. Ihr erstes Ölbild hat sie unter der Anleitung der Künstlerin Marion Haas gemalt. In ihrem ruhigen Atelier in Walluf kann sie beim Malen gut entspannen. Lonskayas Traum war es aber immer gewesen, Tennis zu spielen, jedoch hat sie aus Angst, ihre Hände zu verletzen und dann nicht mehr Gitarre spielen zu können, nie damit angefangen – bis vor kurzem. „Vor drei Monaten habe ich überlegt, ich mach das doch. Wenn ich das nicht mache, bin ich unglücklich.“ Auch sonst macht sie gerne Sport. „Das brauchen wir Musiker auch, wenn wir auf Tour sind. Da müssen wir jeden Tag Konzerte spielen, da brauchen wir viel Kraft. „Ich bereite mich momentan auf die nächste Tour in Deutschland und den Niederlanden vor. Sie startet am 16. Oktober und dauert bis zum 14. November.“ Sie trägt den Titel „Nacht der Gitarren“. Statt den geplanten 23 Konzerten können nur 15 stattfinden. „Das wird schon relativ intensiv und ich bereite mich auch sportlich mit Ausdauertraining darauf vor. Das macht auch Spaß.“

Lonskaya hat schon mit einigen Künstlern zusammengearbeitet, doch der erste Name, der fällt, wenn es um ihre musikalischen Kooperationen geht, ist Lulo Reinhardt. Mit ihm hat sie das Projekt „Gypsy Meets Classic“ geschaffen. „Es ist etwas sehr Ungewöhnliches. Seit ich mit ihm zusammenspiele, habe ich mich sehr stark entwickelt: als Musikerin, als Moderatorin bei Konzerten, weil er das alles locker macht.“ Anders, als sie es gewohnt ist. Mit der Klassik, die Lonskaya im Blut hat, und Reinhardts lockererem Musikstil treffen zwei Welten aufeinander, aber sie fühle sich dadurch frei und spiele seitdem auch andere Musik wie Jazz, Popmusik, Latin, Crossover – sogar durchaus mit Improvisationen, was in der Klassik sehr selten anzutreffen ist. Lonskaya bespielt im Rheingau am liebsten die Kirchen. „Ich bin begeistert von den Kirchen, die hier sind. Zum Beispiel die Basilika im Schloss Johannisberg: wunderschön.“ Die Akustik dort und auch in weiteren Rheingauer Kirchen wie in Eltville oder Kiedrich sei sehr gut für ihr Instrument.

Die Coronavirus-Pandemie ging natürlich nicht spurlos an der Weißrussin vorbei. Ihre Konzertmöglichkeiten und generelle Lebensplanung wurden dadurch eingeschränkt. Lonskaya hatte sich eigentlich sehr auf das Jahr gefreut: „2020 musste eigentlich für mich ein wunderschönes Jahr sein: Viele Konzerte, Tour in Schottland, Irland und England... Vom 15. März bis zum 18. Juni war ich gesperrt, so wie andere Künstler auch.“

Sie ist in der Zeit aber nicht untätig geblieben: „Ich habe eine neue CD aufgenommen.“ Außerdem hat sie zusammen mit Konzertveranstalter Norbert Statzner (concerto classico) das Projekt „Yuliya Lonskaya präsentiert“ ins Leben gerufen. Statzner war der Ansicht, dass etwas getan werden musste. „Die Künstler hatten keine Einnahmen und mussten dann dementsprechend Alternativen entwickeln. Wir haben überlegt was zu tun ist. Sie hat die maßgeblichen Ideen entwickelt, sie kennt viele Künstler weltweit und kam dann auf die Idee eine Serie zu kreieren, die ,Yuliya Lonskaya presents´ heißt.“ Eigentlich war im Jahr 2020 eine Konzertserie mit acht Konzerten unter dem gleichen Titel im Kulturzentrum (KuZ) Eichberg geplant, „die auch der Coronakrise zum Opfer fielen. Und aus dieser Geschichte heraus wurde dann die Video-Musik-Serie mit dem gleichen Namen geboren“, so Statzner. „Ich habe Gäste eingeladen. Die Musiker, mit denen ich schon spiele oder spielen wollte; Lulo Reinhardt natürlich mit unserem Projekt, wir haben aber auch ein neues Stück gespielt, was er in Quarantäne komponiert hat. Mit Daniel Stelter aus Ingelheim habe ich im Duo gespielt“, erklärt Lonskaya. Weitere Künstler sind dabei, sowie verschiedene Instrumente wie die Klarinette (Kyrill Rybakov) oder die Bassgitarre (Pavel Klimashevsky). Es treffen unterschiedliche Genres aufeinander: „Von lateinamerikanischer Musik bis zu russischen Romanzen“ sei alles dabei. Statzner fügt die Wichtigkeit der Sponsoren hinzu, ohne die die Konzertreihe nicht hätte stattfinden können. „Hier aus dem Raum sollte man erwähnen: die Rheingauer Volksbank und den Rheingau-Taunus-Kreis.“

Die oben bereits erwähnte neue CD von Lonskaya heißt „Yuliya Lonskaya & Friends – Live im Rheingau“. „Diese CD haben wir live im KuZ Eichberg aufgenommen, also gleichzeitig mit den Videos. Das war harte Arbeit, aber wir hatten so viel Spaß zusammen, weil wir alle zu Hause eingesperrt waren und plötzlich haben wir uns getroffen und das alles aufgenommen.“ Auf der CD spielt die Gitarristin sowohl solo, als auch mit Künstlern wie Lulo Reinhardt, Kyrill Rybakov, Pavel Klimaschewski und Daniel Stelter. Verschiedene Musikstile kommen hier zur Geltung, weshalb für jeden etwas dabei ist.

Nichtsdestotrotz hat die Gitarristin natürlich ihre Konzerte vermisst. Etwas gelernt hat sie in dieser Zeit aber auch: Online-Unterricht. „Das ist auch etwas Neues.“ Des Weiteren war sie sehr viel mit ihrem Hund im Wald spazieren. „Jeden Tag bin ich zwischen sechs und acht Kilometern gelaufen.“ Das sei auch gut zum Abschalten. Seit dem 18. Juni spiele sie aber wieder Konzerte, wenn auch nur mit einer verordneten beschränkten Zahl an Zuschauern, also im kleinen Rahmen. Diese Woche stehen gleich zwei Konzerte an: Eins in der Casinogesellschaft in Wiesbaden am 10. Oktober und ein weiteres in der Basilika Schloss Johannisberg am 11. Oktober. In der Basilika erwartet die Zuhörenden das Duo aus Lonskaya an der Gitarre und der Armenierin Ani Aghabekyan an der Violine. „Wir spielen Musik von Vivaldi auf der Gitarre und Violine. ,Winter´ spielen wir zum Beispiel in unserer Bearbeitung.“ Auch Musik von Tschaikowski, Bartók, Piazzolla, Monti und spanischen Komponisten wie de Falla darf nicht fehlen. Ein breites Spektrum an Musik verschiedenster Künstler kommt also am Sonntag nach Johannisberg.

Mit Blick auf die aktuelle Lage in Lonskayas Heimatland Weißrussland stellt sich natürlich die Frage, wie sie die dortigen Unruhen mitverfolgt und erlebt. Ihre Familie wohnt dort. „Wir telefonieren fast jeden Tag. Ja, ich mache mir schon Sorgen, aber helfen kann ich nicht richtig. Mein Herz ist schon voll mit Sorgen und ich frage mich immer, wie ich meiner Familie helfen kann und was ich machen kann.“ Die Weißrussin hat ihre Familie seit Dezember 2019 nicht gesehen. Sie hofft, dass es dieses Jahr mit einem Besuch in Weißrussland noch klappt und sie dorthin fliegen darf.

Nachdem die erste Videoserie so erfolgreich war, startet im Oktober die neue Videoserie der Gitarristin. Sie wollte gerne noch eine Version mit klassischen Künstlern herausbringen. Für dieses Projekt hat sie den Saal der Wiesbadener Casinogesellschaft bekommen. „Es ist ein wunderschöner Saal. Natürlich bin ich sehr dankbar“, führt Lonskaya an. „Wir haben sechs Videos gemacht dieses Mal.“ Auch in dieser Videoserie sind viele Künstler dabei, mit denen die Musikerin auch zuvor schon zusammen gespielt hat. Zu sehen ist das erste Video dieser Serie seit dem 5. Oktober. „Das Entscheidende bei dem Video ist, glaube ich, der Saal, der sehr gut zu den Stücken passt“, ergänzt Statzner.

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