Seit fast 100 Jahren gibt es ein Kino in Geisenheim

Lindentheater ist einziges inklusives Kino Deutschlands / Filmprogramm ab sofort im Rheingau Echo

Man muss nur einen Schritt hineingehen, und schon strömt einem der Duft von frischem Popcorn in die Nase. Es ist ein Dienstagvormittag, an dem wir auf Anja Schwarz treffen. Sie ist seit Januar 2025 Mitgeschäftsführerin des Lindentheaters. Heute sind schon jetzt beide Kinosäle voll. Wie jedes Jahr schauen die Französischkurse der St. Ursula-Schule hier einen Film.

Rheingau Echo at the movies

Ab sofort veröffentlicht das Rheingau Echo das aktuelle Kino-Programm des Lindentheaters. "Das einzige Kino im Rheingau präsentiert stets topaktuelle Filme und bietet ein breites Spektrum an spannenden Veranstaltungen; wir freuen uns, das Engagement der Kino-Macher mit der Veröffentlichung ihres Programms wochenaktuell im Rheingau Echo zu begleiten", freut sich Chefredakteur Helmut Mertes.

Von Comedy bis Konzert – Anja Schwarz will mehr als Kinoprogramm

Im letzten Jahr hatten wir rund 27.000 Kartenverkäufe. Ein Rekord nach Corona. Das will ich 2026 auch wieder schaffen.“ Es ist ein Neubeginn, der mit Anja Schwarz im letzten Jahr ins Lindentheater einzog. Die gebürtige Berlinerin und studierte Touristikassistentin arbeitete in mehreren Hotels, nach dem Umzug in den Rheingau auch im ehemaligen Hotel im Kloster Johannisberg. Zwischenzeitlich war sie auch mal bei einer Agentur beschäftigt. „Aber dann habe ich schnell gemerkt, dass ich nicht daran arbeiten will, Menschen etwas für einen möglichst guten Preis möglichst teuer zu verkaufen.“ Also landete sie beim St. Vincenzstift, das das Lindentheater seit 2011 betreibt. Erst begeisterte sie als Veranstaltungsleitung die Kolleginnen und Bewohner. „Irgendwann kam dann jemand auf mich zu und fragte mich, ob ich nicht im Kinobetrieb einsteigen möchte.“ Seitdem teilt sich Schwarz die Geschäftsführung der gGmbH mit Dr. Caspar Söling. Ihr Ziel – das Kino zum Veranstaltungsort, zum Treffpunkt in der Stadt zu machen. Schon jetzt führen Unternehmen wie die Rheingauer Volksbank hier Tagungen durch, die Stadtbücherei macht Lesungen, einmal im Monat gibt es eine Sonntagsmatinée mit Film und Vortrag. Künftig will Schwarz hier auch Comedy-Abende und Konzerte stattfinden lassen. „Im Sommer wollen wir auch die WM hier ausstrahlen. Und ein großes Projekt von mir ist es, Alltagshelden ins Kino zu holen und sie von ihrer Arbeit erzählen zu lassen.“

Vincenzstift-Bewohnerin Karla seit 15 Jahren dabei

Die 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen dieses Engagement gerne mit. Generell ist die Stimmung im Team blendend, wie ein Besuch hinter der Kinotheke zeigt. Da sitzt gerade Karla Grämer und müffelt an einem Mettbrötchen. Ihre Mitarbeiterinnen Nicole Sassenberg und Jasmin Magora arbeiten an den Computern. Karla und Nicole leben im Betreuten Wohnen im Vincenzstift. Einmal in der Woche kommt jemand vom Stift in ihren Ein- bis Zweizimmerwohnungen vorbei und schaut nach dem Rechten, ansonsten organisieren sie ihren Alltag selbst. Karla wollte eigentlich in der betriebseigenen Schreinerei arbeiten. Doch dann entwickelte sie eine Holzallergie. Mit dem Kino hat sie vor 15 Jahren ihren Wunscharbeitsplatz gefunden – und das gleich mit der Wiedereröffnung, nachdem der Vorbesitzer das Kino abgab. Nicole ist seit 2015 dabei. Was den beiden hier am besten gefällt? „Ich arbeite gerne am PC. Da muss man ein bisschen lesen, das mag ich. Und ansonsten natürlich Filme gucken!“, antwortet Karla. „Mir gefällt hier eigentlich alles. Ich könnte mir kein besseres Team vorstellen“, lobt Nicole, unter den freudigen Augen ihrer Chefin. Neben den fünf Bewohnenden des Vincenzstifts und zwei Festangestellten arbeiten auch viele Schülerinnen und Studierende im Kino. Die Arbeitsplätze sind heiß begehrt – alle, die hier arbeiten, dürfen jederzeit kostenlos ins Kino.

Schwarz: „Müssen bis zu 50 Prozent der Einnahmen an Filmverleih abgeben“

Zurück auf der Fensterbank erklärt Anja Schwarz, wie ein Film überhaupt ins Kino kommt. „In Deutschland funktioniert das alles über Filmverleihe. Es gibt kleinere Verleihe, die dann eher Arthouse-Filme anbieten. Das spielen wir dann montags und mittwochs im Rahmen unserer „Auslese.“ Es gibt aber auch die ganz großen Verleihe. Momentan läuft bei uns zum Beispiel Avatar. Die Filmverleihe geben uns bestimmte Vorgaben, wie oft ein Film in einer Woche ausgestrahlt werden muss.“ Das bedeutet für das Lindentheater mit nur zwei Kinosälen, dass nicht alle Filme gezeigt werden können, die gerade aktuell sind. Dabei läuft jeder Film zwei bis vier Wochen. „Grundsätzlich zeigen wir um 15 Uhr Kinderfilme, um 17:30 Uhr Kinder- oder Erwachsenenfilme, und um 20 Uhr auch mal Filme ab 16 oder 18 Jahren.“ Das Kino ist montags bis sonntags offen – nur an Heiligabend und Silvester gönnt sich das Team eine Pause. Das gesamte Filmprogramm ist ab sofort wöchentlich im Rheingau Echo zu lesen. Für jeden Film gibt es dann einen festgelegten Prozentsatz der Kinoverkäufe, die an den Filmverleih gehen. „Das geht von 30 Prozent bis zu 50 Prozent. Dann bekommen wir für eine Karte also gerade einmal vier Euro.“ Die Vermittlung zwischen Verleih und Lindentheater läuft über einen Disponenten. Diese Rolle übernimmt Ralf Holl, der ein Kino in Nastätten betreibt. Jeden Montag findet eine gemeinsame Besprechung mit Herrn Holl statt. Dann werden die Kinobesuche ausgewertet, und Anja Schwarz entscheidet, welche Filme sie in den nächsten Wochen zeigt. Bei einem kleinen Spaziergang ins erste Stockwerk zeigt Anja Schwarz, wie der Film dann auf die Leinwand kommt. Wir treten in einen dunklen Raum. Weiter hinten rattert ein Projektor. Dieser projiziert das Bild über eine Scheibe auf die Leinwand. „Das funktioniert wie ein großer Beamer, und heutzutage geht alles digital. Die Filme laden wir uns über eine Plattform herunter und drücken dann am PC nur noch auf Start. Eine große Audioanlage sorgt für den perfekten Klang. Seit April 2025 wartet ein neuer Projektor mit noch besserer Auflösung auf. Durch die kleine Scheibe kann man gerade die Hinterköpfe der älteren Französischschüler sehen. Sie schauen sich gerade den Film „Was ist schon normal“ an – zum Glück mit deutschen Untertiteln. Die Kooperation mit der St. Ursula-Schule besteht schon seit Längerem. Sie findet im Rahmen der französischen „Cine fête“ statt, inklusive Unterrichtsmaterial. Für sechs Euro fünfzig bekommen die Jugendlichen den Film, außerdem konnten sie kleine Snackpakete im Vorfeld bestellen. Ein Jahreshighlight sind für Anja Schwarz die hessischen SchulKinoWochen. Zwei Wochen im März hat das Kino regelmäßig vormittags geöffnet. Dabei können die Schulen aus einem festen Programm Filme auswählen, Dank der Förderung kommen die Kinder schon für fünf Euro ins Kino. „Tatsächlich machen da alle Schulen im Rheingau mit – von der Grundschule bis zum Eltviller Gymnasium.“

Ein Kinosaal wird zum Klassenzimmer

Es schlägt zwölf Uhr, der Film für die 9. Klassen ist vorbei. Wir nutzen die Gelegenheit und kommen in den Saal, bevor der große Ansturm losgeht. Zeit, die Jugendlichen zu fragen, wie wichtig das Kino für sie noch ist. „Manchmal gehe ich mit Freundinnen ins Kino. Oder halt mit meinen Eltern“, berichtet eine Schülerin. Allen im kleineren Kinosaal gefällt die „Cine fête“ besser als normaler Unterricht. Umso ernüchternder fallen die Reaktionen aus, als die Lehrerin ihre Klasse um ein Fazit zum Film bittet. Darin geht es um einen Jungen. Fußball ist für ihn Hobby und Ablenkung zugleich, denn seine Eltern sind getrennt und der Vater arbeits- und motivationslos. Also beschließt der Junge, ihm zu erzählen, er sei beim Proficlub Arsenal aufgenommen worden. Das zieht den Vater wieder hoch, er beginnt zu arbeiten. Am Ende kommt die richtige Zusage von Arsenal und alles geht gut aus. Ob es manchmal gerechtfertigt sei, zu lügen, fragt die Lehrerin? "Eigentlich nicht“, sagt ein Schüler. Es folgen weitere Fragen, die alle entweder nicht oder nur vereinzelt beantwortet werden. Eins bleibt klar – das Kino kann ein spannenderer Unterrichtsort sein als der Klassenraum. Zaubern kann so ein Kinosaal aber auch nicht.

Große Renovierung ab April – Ticketpreise bleiben gleich

„Uns ist bewusst, dass sich einige Familien den Kinobesuch nicht leisten können“, gibt Anja Schwarz zu, als die 200 Jugendlichen aus dem Kino geströmt sind. „Deshalb kommen dienstags alle für sieben Euro ins Kino. Ein Wochenende im September veranstalten wir unser Kinofest. Da zahlen alle nur fünf Euro.“ Dabei muss sich das Kino selbst erwirtschaften. „Es gibt schon eine wachsende Konkurrenz durch Streamingdienste. Gleichzeitig haben wir als einziges Kino im Rheingau ein relativ großes Einzugsgebiet.“ Wir sprechen im größeren Kinosaal weiter. Hier finden aktuell 153 Besuchende Platz. Ab Mai soll sich das ändern. Dann bekommen beide Säle hinten Komfortsitze, der Platz zwischen den Sitzreihen vergrößert sich und die Anzahl der Plätze schrumpft auf knapp unter 200 Plätze. Die Ticketpreise sollen trotzdem nicht ansteigen, sagt Anja Schwarz zu. Am 19. April können alle, die zuvor reserviert haben, sich einen originalen Kinosessel für 25 Euro mitnehmen. „Ich plane, dann eine Art Kinopicknick im leeren Kinosaal zu machen und einen letzten Film zu schauen. Dann macht das Kino erstmal zu.“ Die Wiedereröffnung ist für den 18. Mai geplant. Ein letzter Besuch an der Theke. Wer wäre denn ein Traumgast im Lindentheater? „Bülent Ceylan“, antwortet Karla. „Apache oder Bushido! Oder Cindy aus Marzahn“, kommt von Nicole. „Auf jeden Fall nicht Oliver Pocher“, sind sich alle einig. Ob sich dieser magische Ort, voller Eindrücke und Kindheitserinnerungen noch lange halten werde, fragen wir, schon fast in der Tür. „Ich hoffe es“, sagt Anja Schwarz. „Das Lindentheater gehört einfach zu Geisenheim dazu. Viele Familien reservieren am Nachmittag die Karte, gehen dann etwas essen und abends ins Kino. Von uns profitiert also auch die Innenstadt. Außerdem steht an dieser Stelle schon seit 1949 ein Kino.“ Es bleibt also zu hoffen, dass noch sehr lange der Geruch von Popcorn durch die Geisenheimer Straßen zieht. Dafür haben die Mitarbeitenden des Lindentheaters übrigens einen Trick. „Immer wenn wir frisches Popcorn machen, stellen wir die Fenster auf Kipp“, verrät Karla ihr Berufsgeheimnis.

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