„So viele Jahre, zu viele Tränen“

„So viele Jahre, zu viele Tränen“
Rheingau Musik Festival: „Long Walk to Freedom“ zu Ehren Nelson Mandelas

Ein eindrucksvolles und berührendes Konzert gab der Kammerchor Vocale Neuburg mit dem Bochabela String Orchestra, Freunden und Solisten.

Kloster Eberbach. (chk) – „Senzenina. Sono sethu ubumnyama. – Was haben wir getan? Unsere Sünde ist es, schwarz zu sein.“ Mit diesem ausdrucksstarken und zugleich feierlich wirkenden Anti-Apartheid-Gesang zogen das südafrikanische Bochabela String Orchestra, der österreichische Kammerchor Vocale Neuburg und die Solisten durch die vollbesetzte Basilika. „Long Walk to Freedom“ war der Titel des Konzerts im Rahmen des Rheingau Musik Festivals, zu dem Intendant Michael Herrmann das Publikum mit einleitenden Worten herzlich willkommen hieß.

 

„Kyrie eleison. Christe eleison. Kyrie eleison“, tönte der Gesang der Solistinnen und Solisten und des Chores durch die Basilka. Das Kyrie ist der Auftakt von Joseph Haydns „Missa in angustiis“, was übersetzt wird mit „Messe in der Bedrängnis“. Die Messe, die Haydn im Sommer 1798 in nur sieben Wochen schrieb, erhielt bald danach den Beinamen „Nelson-Messe“. Eine Legende besagt, dass Haydn während der Arbeit an der Messe erfuhr, dass Nelson Napoleon bei Abukir geschlagen hatte. Ein Zusammenhang zwischen der Nelson-Messe und Nelson Mandela ist konstruiert und ohne historischen Hintergrund. „Es verbietet sich zweifellos, die beiden Persönlichkeiten miteinander zu vergleichen. Sie lebten in unterschiedlichen Epochen und verfolgten unterschiedliche Ziele“, schreibt Christian Hoesch in der Einleitung des Programmheftes. „Dies wird besonders offenkundig, wenn man bedenkt, dass Admiral Nelsons militärische Erfolge den Imperialismus manifestierten, der später in die Apartheidpolitik der Weißen mündete.“

Klaus Christa, österreichischer Musiker, Professor für Viola und Kammermusik am Vorarlberger Landeskonservatorium und seit zehn Jahren künstlerischer Leiter des Bochabela String Orchesters, hatte die Idee, das Programm „100 Jahre Nelson Mandela“, das das Ensemble im vergangene Jahr erstmals aufgeführt hat, mit Haydns „Nelson-Messe“ zu kombinieren. In seinem Konzept hat er zwischen Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Benedictus und vor dem Agnus Dei Anti-Apartheid-Gesänge eingefügt, die ein berührendes Gesamtwerk ergeben, das er für das Rheingau Musik Festival konzipiert hat. Mit diesem Auftritt bei einem der berühmtesten Festivals in Deutschland eröffnet das Orchester nun ein neues Kapitel in seiner Geschichte. Die Gesamtleitung hatte der österreichische Dirigent Gerald Wirth, der auch künstlerischer Leiter der Wiener Sängerknaben ist.

Das Publikum in der Basilika honorierte jedes Stück mit begeistertem Applaus und lauschte aufmerksam den religiösen Gesängen der Messe und den afrikanischen Weisen. Das Bochabela String Orchester, der Kammerchor Vocale Neuburg unter der Leitung von Oskar Egle und die vier Solostimmen Palesa Malieloa (Sopran), Lea Elisabeth Müller (Alt), Nik Kevin Koch (Tenor) und Kabelo Lebyana (Bass) wirkten meisterhaft zusammen. Das afrikanische Lied „Ukuthula“ besingt das Blut Jesu, das Frieden, Erlösung, Lob und Glauben in die sündenvolle Welt bringt. Ganz im Gegensatz zum kriegerischen Admiral Nelson beschwört das Lied „We are waiting“ die Geduld und den langen Atem der Anti-Apartheid-Bewegung und ihres Anführers Nelson Mandela. „So viele Jahre, zu viele Tränen. Aber Träume werden wahr, wenn wir sie mit euch teilen können“, heißt es darin, und weiter: „Oh, wir warten. Oh, wir warten.“

Nelson Mandela, der christlich geprägt war, hat als Freiheitskämpfer und Politiker stets zu Toleranz unter den Religionen und Konfessionen aufgerufen. Während seiner Amtszeit wurde 1996 auch die Nationalhymne Südafrikas eingeführt, die an vielen Stellen Bezug zu Gott nimmt. „Herr, segne Afrika“, heißt es darin..Der Text beruht zu großen Teilen auf dem afrikanischen Lied „Nkosi sikelel’ iAfrika“. Als Chor, Solisten und Orchester es darboten, erhob sich das Publikum in der Basilika.

Im Publikum war auch Peter Guy. Der in USA geborene Orchestermusiker und Lehrer gründete 1998 in der Bochabela Primary School in den verarmten Townships von Bloemfontain das Bochabela String Projekt mit zunächst 18 Kindern. Es entwickelte sich zum Manguang String Programm, in dem mittlerweile mehr als 700 Kinder unterrichtet werden. Heute spielen Absolventen dieses Programmes in den Berufsorchestern Südafrikas und fördern als Musikpädagogen weitere Generationen als Streichmusiker. Insbesondere das Bochabela String Orchestra wurde mit seinen Europatourneen zum Motor für das ganze Programm. Das Ensemble wurde in Zürich, Salzburg und Berlin umjubelt, und auch in der Basilika von Kloster Eberbach wollte der Jubel kein Ende nehmen. Es folgte eine Reihe von Zugaben, in der die Virtuosität und Lebensfreude der Musiker und Musikerinnen wunderbar zum Ausdruck kam – immer wieder von Neuem bejubelt, bis alle Mitwirkenden unter dem tosenden Beifall des Publikums aus der Basilika auszogen und sich anschließend noch im Freien feiern und fotografieren ließen.

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