Spanisches Feuerwerk zum Festival-Ende

RMF-Abschlusskonzert / Großes Orchester und zwei herausragende Solisten im Klosterhof

Traumhaftes Ambiente: Dort, wo normalerweise Autos parken, hatte das RMF seine Bühne für das letzte Konzertwochenende aufgebaut.

Mit einem beeindruckenden Konzert vor ungewohnter Kulisse ging am Sonntag das 34. Rheingau Musik Festival zu Ende. Statt der Basilika, in der unter Coronabedingungen nur 500 Besucher Platz gefunden hätten, fand die Abschlussveranstaltung im Klosterhof statt. Auf dem neu angelegten Parkplatz durften 1.500 Besucher einen musikalischen Leckerbissen genießen.

In Anlehnung an die legendären Promenadenkonzerte in der Londoner Royal Albert Hall hatte sich das RMF sein Abschlusskonzert als „Last Night of the Festival“ angekündigt. Eine Nacht wurde es allerdings nicht, vielmehr ein Spätnachmittag, denn der Konzertbeginn war bereits auf 17 Uhr angesetzt.

Bei herrlichem Spätsommerwetter hatten allerdings neben den RMF-Gästen auch viele andere Besucher Kloster Eberbach als sonntägliches Ausflugsziel gewählt. Die Folge war ein mittleres Parkchaos rund um das Kloster und ein – auch wegen der Coronakontrollen der Konzertbesucher – verspäteter Beginn. Unter den prominenten Besuchern wie Mitgliedern des hessischen Kabinetts oder dem frisch gewählten ZDF-Intendanten Norbert Himmler galt dem neuen amerikanische Generalkonsul Norman Thatcher Scharpf große Aufmerksamkeit. Mehrere unauffällig auffällige Bodyguards sicherten den hochrangigen Besucher, der die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika in West- und Süddeutschland vertritt.

Doch das eigentliche Konzert – vor dem noch die obligatorischen Abschlussreden des Intendanten Michael Herrmann und dem Chef der Hessischen Staatskanzlei Axel Wintermeyer standen – entschädigte dann für den mehr als halbstündigen Verzug. Die Musiker der Deutschen Radio Philharmonie unter Leitung ihres Dirigenten Pietari Inkinen boten eine nachhaltig beeindruckende künstlerische Leistung. In besonderer Erinnerung bleiben aber wohl die beiden spanischen Solisten María Dueñas (Violine) und Pablo Sáinz-Villegas (Gitarre). María Dueñas war zuvor schon bei ihrer Ehrung als diesjährige Lotto Förderpreisträgerin beim RMF zu hören, Pablo Sáinz-Villegas hatte bereits bei einem Konzert im Laiendormitorium überzeugt.

Erlebnis mit allen Sinnen

Beide Künstler hätten schon im letzten Jahr beim RMF auftreten sollen, waren dann aber „nur“ online bei den Streamingkonzerten von Magenta Musik zu sehen und zu hören. Nachzuhören wird auch das aktuelle Konzert sein, das der Hessische Rundfunk für den Saarländischen und Südwestrundfunk mitschnitt.

Doch – auch das wurde den Besuchern wieder einmal bewusst – geht nichts über das Erlebnis eines Livekonzerts. Vom ersten Ton an – bezeichnenderweise ein Tusch – der Ouvertüre von Georges Bizets Oper „Carmen“ genossen die Zuhörer das Gefühl, mit allen Sinnen mittendrin im Geschehen zu sein.

Anlehnungen an „Carmen“ gab es auch im weiteren Verlauf. Die erst 18-jährige Spanierin spielte zwei Carmen-Fantasien von Pablo de Sarasate. Dass sie sich – wie es im Programmheft des RMF heißt – „mit ihrer beeindruckenden musikalischen Ausdruckskraft und technischen Perfektion“ innerhalb kürzester Zeit als eine der gefragtesten Künstlern ihrer Generation etabliert hat, dürfte niemand im Auditorium nach ihrem atemberaubenden Auftritt bestreiten wollen. Jüngste Preise aus einer schon erstaunlich langen Reihe sind neben dem Lotto Förderpreis der Gewinn des Menuhin Wettbewerbs 2021 sowie des Publikumspreises.

Gitarren-Gott

Gibt man im Internet den Begriff „Gitarrenlegenden“ ein, tauchen Namen auf wie Jimi Hendrix, Eric Clapton oder Keith Richards auf – alle aus dem Bereich der Pop- und Rockmusik. Aus der Klassik taucht kein Name auf. Doch was Pablo Sáinz-Villegas am Sonntag bot, war überragend. Als „Seele der spanischen Gitarre“ apostrophiert spielte er jenes Werk, das schlechterdings als die Krönung der klassischen Gitarrenmusik angesehen werden kann: Das „Concierto de Aranjuez“ für Gitarre und Orchester von Joaquín Rodrigo.

Bei den Berliner Philharmonikern hatte der 44-jährige Sáinz-Villegas mit dieser Komposition sein Debüt bei deren letztem Silvesterkonzert gegeben – als einziger Gitarrist seit fast 40 Jahren. Mit Placido Domingo zusammen stand er in Sportstadien vor mehr als 85.000 Zuschauern auf der Bühne. Legendär ist auch sein Konzert auf einer schwimmenden Bühne auf dem Amazonas – übertragen in viele Länder der Erde.

Da mag ihm die Atmosphäre in Kloster Eberbach fast schon beschaulich vorgekommen sein. Die Besucher applaudierten allerdings so heftig, dass dem sympathischen Spanier wohl auch dieser Konzert nachhaltig in Erinnerung bleiben dürfte.

Wie unaufgeregt entspannt die beiden Solisten waren, bestätigten sie auch beim kleinen Empfang des RMF im Anschluss an das Konzert, wo sie locker mit den Gästen plauderten.

Ungarische Tänze

Entspannen konnte sich spätestens zu diesem Zeitpunkt auch RMF-Intendant Michael Herrmann. Kurzzeitig, so gab er nach dem Konzert preis, habe das Abschlusskonzert vor dem Aus gestanden, weil im Umfeld der Deutschen Radio Philharmonie ein positiver Coronafall aufgetreten war. Erst am Tag es Konzerts selbst hätten die zuständigen Behörden Entwarnung gegeben.

Das Orchester, das durch eine – seinerzeit heftig umstrittene – Fusion des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken und des SWR Rundfunkorchesters Kaiserslautern entstanden war, glänzte nicht nur als Begleitung der beiden spanischen Solisten, sondern auch bei den sommerlich-flotten „Ungarischen Tänzen“ von Johannes Brahms, die in ihrer Leichtigkeit perfekt zum sommerlich-entspannten Flair des Abschluss-Konzertes passten. Großer Applaus für alle Beteiligten – leider ohne die so ersehnte Zugabe!

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