Mit Ajax die Lage des "Berliner Boots" bereinigt

Groß angelegte Bergung des Havaristen vor Rüdesheim / Großes Publikums- und Medieninteresse

Mit erstaunlicher Präzision positioniert der Schiffsführer die 780 PS starke "Ajax" vor dem Havaristen.
Mit erstaunlicher Präzision positioniert der Schiffsführer die 780 PS starke "Ajax" vor dem Havaristen.

Vor gut zwei Wochen war ein Sportboot auf eine Buhne unterhalb der Rüdesheimer Fährlinie auf Grund gelaufen. Das havarierte Boot, das sich zwischenzeitlich zu einem Publikumsmagneten entwickelt hatte, wurde nun geborgen.

Zweifelhafte Berühmtheit hatte das sichtlich reparaturbedürftige Boot bereits kurz nach der Havarie erlangt und zahlreiche Schaulustige angelockt. Selbst überregionale Medien berichteten beinahe täglich von der angejahrten Stahlbarkasse, die es sich auf dem steinernen Leitwerk vor Rüdesheim bequem gemacht hatte. In den Sozialen Netzwerken gab es mehr oder weniger wohlmeinende Ratschläge und kreative Fotomontagen, die das trocken gefallene "Berliner Boot" gar in den Rang einer Rheingauer Sehenswürdigkeit erhoben. Nachdem die beiden Besatzungsmitglieder das Boot am 10. August auf Grund gesetzt hatten, war wegen fallender Rheinpegel eine Bergung vorerst nicht möglich. Mit Ankern wurde die unfreiwillige Attraktion gesichert. Da weder Betriebsflüssigkeiten austraten noch eine Leckage erkennbar war, gingen das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) und die Wasserschutzpolizei nicht von einer Gefährdung von Umwelt und Schifffahrt aus. So musste der etwa 10 Tonnen schwere Kahn gut zwei Wochen auf der Steinschüttung ausharren. Der mutmaßliche Eigner hält sich dem Vernehmen nach wieder in Berlin auf und war bei der Bergung am 28. August nicht anwesend.

Das ganz große Besteck

Mit dem Hebebock "Ajax", einem Schwimmkran mit 100 Tonnen Tragkraft, rückten am vergangenen Donnerstag rund 20 Einsatzkräfte des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) dem Havaristen zuleibe. An der Bergung waren außerdem das Mess- und Arbeitsschiff "St. Goar" im Verband mit einer Verkehrssicherungsprahm sowie zwei Nachen im Einsatz. Gesichert wurde die Einsatzstelle von zwei Booten der Wasserschutzpolizei. Teil des Teams war auch ein externer Berufstaucher, dem bei dem Einsatz eine Schlüsselrolle zukommen sollte.

Dank des inzwischen gestiegenen Rheinpegels konnte die 47 Meter lange und über 11 Meter breite "Ajax" mit verblüffender Präzision mit dem Bug direkt vor den Havaristen positioniert werden. Nachdem die ersten Versuche des Tauchers, die dicken Stahlseile um den Rumpf des gestrandeten Bootes zu schlingen, erfolglos blieben, wurde die "St. Goar" längsseits als Arbeitsbasis an der "Ajax" festgemacht. Erneut kam der Taucher zum Einsatz. Mithilfe weiterer Einsatzkräfte, die inzwischen auf dem Havaristen Stellung bezogen hatten, und eines kleineren Boots gelang es dem Froschmann schließlich, die Hebeseile sicher zu befestigen. Der anschließende Hebevorgang erfolgte, wie die gesamte Operation, bedächtig unter den wachsamen Augen der WSA-Mitarbeiter. Vorläufige Endstation des Havaristen ist der Binger Hafen, wo ihn die "Ajax" wieder ins Wasser setzte, um die Schwimmfähigkeit des Bootes zu überprüfen. Die reine Bergung, ohne Anfahrt der in Schierstein liegenden "Ajax", Vorbereitung und Logistik, dauerte insgesamt rund drei Stunden.

Florian Krekel vom WSA äußerte sich zufrieden über den planmäßigen Verlauf der Bergung. "Wir waren gut vorbereitet und die Einsatzkräfte haben professionell gearbeitet", so Krekel. Die Kosten für den Einsatz bezifferte er auf einen „fünfstelligen Betrag“, der an den Eigner des Bootes weitergereicht wird.

Großer Medienrummel
und viel Publikumsinteresse

Das Rüdesheimer Ufer war gesäumt von zahlreichen Schaulustigen, die sich die Bergung der neuen Rüdesheimer Attraktion nicht entgehen lassen wollten. So mancher Zaungast harrte mehrere Stunden bei anfänglichem Nieselregen aus, um einen Blick auf die spektakuläre Aktion zu erhaschen. Neben Vertretern der lokalen Presse waren auch regionale Medien und sogar ein überregionales Fernsehteam vor Ort, um die vorerst letzte Reise des "Berliner Boots" zu begleiten. Wie es mit der lädierten Barkasse nun weitergeht, ist indes unklar.

Mausefalle für Sportboote

"Er ist geradeaus gefahren, wo er besser nicht geradeaus gefahren wäre", so der lapidare Kommentar von Florian Krekel vom WSA zum Hergang des Vorfalls. Das Leitwerk unterhalb der Fährlinie zwischen Rüdesheim und Bingen war schon häufiger Schauplatz von Havarien und gehört zu den unrühmlichen Unfall-Hotspots auf diesem Rheinabschnitt. Immer wieder missachten Freizeitkapitäne die mit grünen und roten Tonnen klar markierte Begrenzung der Fahrrinne und laufen auf Grund. Außerhalb des Fahrwassers braucht es eine gehörige Portion Ortskenntnis, um sich von Untiefen fernzuhalten. Das wissen auch die örtlichen Wassersportvereine, wie der Rüdesheimer Yacht-Club (RYC), der bei gestrandeten Booten immer wieder "Erste Hilfe" leistet und revierunkundige Wassersportler auf die Gefahren auf diesem schwierigen Rheinabschnitt hinweist. Außerhalb des markierten Fahrwassers sind Grundberührungen gerade bei niedrigem Wasserstand vorprogrammiert. Warum gerade revierunkundige Wassersportler sich immer wieder außerhalb der Fahrrinne bewegen, ist unklar. Von den Folgen wissen die ortsansässigen Wassersportvereine allerdings ein Lied zu singen: demolierte Antriebe, ramponierte Schrauben, Lecks und Schäden, die nicht selten den Preis eines Kleinwagens überschreiten.

An diesem 10. August jedenfalls teilte das "Berliner Boot" sein Schicksal mit drei weiteren Pechvögeln, die ebenfalls die "Abkürzung" nehmen wollten und unliebsame Bekanntschaft mit dem Leitwerk machten.

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