Eingebunden in den Geist der europäischen Wurzeln

Eingebunden in den Geist der europäischen Wurzeln
Eibinger Benediktinerinnen gestalteten eindrucksvolle Feier zur Gründung der St. Hildegard-Akademie

Äbtissin Dorothea Flandera und Schwester Dr. Maura Zátonyi (rechts) begrüßten die Gäste, die zur Gründungsfeier in die Abteikirche kamen.

Eibingen. (chk) – „Visionen brauchen einen Ort, damit sie Realität werden können. Das wusste die heilige Hildegard, die wohl berühmteste Visionärin des Mittelalters“, sagte Schwester Dr. Maura Zátonyi bei der Feier anlässlich der Gründung der St. Hildegard-Akademie vor einem großen Publikum in der nahezu vollbesetzten Abteikirche. Hildegard habe ihre Vision, ein Kloster gegen alle Widerstände zu gründen, durchgesetzt. Dabei habe sie sich als eine geschickte und kluge ‚Managerin‘ erwiesen, wie man es heute bezeichnen würde. „So sind wir bei Hildegard immer gut beraten, wenn wir etwas Solides, etwas Innovatives und Zukunftsweisendes in Angriff nehmen“, betonte sie an diesem besonderen Tag für die gesamte Abtei St. Hildegard, wo Benediktinerinnen seit über 100 Jahren in der Hildegard-Forschung aktiv sind.

Mit spürbarer Freude und Herzlichkeit hatten zuvor Schwester Maura und Äbtissin Dorothea Flandera vor der Abteikirche die zahlreichen Gäste begrüßt, die von nah und fern, auch aus dem Ausland, zur Gründungsfeier kamen. Schon jetzt ist die Akademie mit Repräsentanten aus Politik, Gesellschaft, Wissenschaft, Kirche und Wirtschaft ins Gespräch gekommen. Dieser begonnene Dialog ist in einer Broschüre mit dem Titel „Gedanken zur Gründung der St. Hildegard-Akademie“ dokumentiert, die jeder Gast beim Empfang in die Hand bekam. Das breite Spektrum der Beiträge zeigt, dass die Akademie sich als ein Bindeglied zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, zwischen Kirche und Gesellschaft versteht und dafür bereits ermutigenden Zuspruch erhalten hat.

Schwester Lydia Stritzl eröffnete die Gründungsfeier mit einer Orgelsonate von Josef Gabriel Rheinberger, bevor sich die Äbtissin mit einleitenden Worten genau am siebten Jahrestag der offiziellen Heiligsprechung Hildegards von Bingen an die Gäste wandte. „Unsere Abtei darf in der Tradition der heiligen Hildegard stehen und durch sie eingebunden sein in den Geist ihrer europäischen Wurzeln, ihres Denkens, ihres Forschens – das bedeutet in den Geist ihres Glaubens, der in Weite und Tiefe alle Lebensbereiche verbinden und in Zusammenhang mit Gott bringen konnte“, sagte die Äbtissin und stellvertretende Vorsitzende der Akademie. „So ist neben der Grundlagenforschung und Weitergabe der Schriften Hildegards die gelebte Zusammenschau wichtig, die in der europäischen Spiritualität als Säule unserer St. Hildegard-Akademie zum Ausdruck kommt.“ Als schönes und sinngebendes Zusammentreffen bezeichnete sie es, dass am Tag zuvor der Europatag begangen worden sei und die Feier in die Europawoche falle. „Der heilige Benedikt ist Patron Europas und Hildegard lebte durch und durch als Benediktinerin unter der Führung des Evangeliums“, hob Äbtissin Dorothea Flandera hervor. „Unter diesen Anspruch, aus den Quellen zu lernen, Zusammenhänge zu erforschen, diese in die Welt zu tragen und authentisch daraus zu leben, möchten wir unsere Akademie stellen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.“

Visionen und Orte

„Als vor zwei Jahren die Initialzündung kam, eine Institution zu gründen zur Förderung der Hildegard-Forschung, verbunden mit einer europapolitischen Ausrichtung, war es uns wichtig, dieser Idee, dieser Vision, eine institutionell und rechtlich klare Struktur zu geben. So entstand die St. Hildegard-Akademie – und zwar in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins“, erklärte Schwester Maura Zátonyi als Vorsitzende der Akademie. Sie kam vor 20 Jahren als junge Nonne aus Ungarn nach Eibingen, wurde drei Jahre später Mitarbeiterin von Schwester Angela Carlevaris die als anerkannte Hildegardforscherin seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet tätig war und Unterstützung brauchte, weil sie erblindet war. Diese Zusammenarbeit hat Schwester Maura tief geprägt und sie selbst in die Rolle der leidenschaftlichen und zugleich wissenschaftlich fundierten Hildegardforscherin hineinwachsen lassen. Ihr Promotionsstudium in Philosophie an der Johannes Gutenberg Universität Mainz schloss sie 2011 mit der Doktorarbeit über die Schrifthermeneutik in der Visionstrilogie Hildegards von Bingen ab.

Mitreißend skizzierte sie vor dem Publikum in der Abteikirche die Idee und die Entstehungsgeschichte der St. Hildegard-Akademie: „Hildegards Klostergründung hat trotz zerstörerischer Heimsuchungen bis heute Bestand. Dieser Ort, wo wir heute versammelt sind, steht in der Tradition der heiligen Hildegard. Das bedeutet über 850 Jahre Fortbestand!“ Hildegard sei es bewusst gewesen, dass Charisma und Institution aufeinander angewiesen seien. „Visionen brauchen Orte – und Orte brauchen Visionen. Das Charisma braucht eine Institution, nur so kann es seine Wirkung nachhaltig entfalten. Eine Institution dagegen braucht das Charisma, damit sie ausstrahlen und bewegen kann“, fasste Schwester Maura zusammen. „Mit der Gründung der St. Hildegard-Akademie gelingt es zum ersten Mal, das Charisma der Hildegard-Forschung in der Abtei zu institutionalisieren. Zugleich bildet die St. Hildegard-Akademie die ‚Heimatstätte‘ der internationalen Hildegard-Forschung.“ Ganz im Sinne der heiligen Hildegard verknüpfe die Akademie Wissenschaft und Forschung mit der Übertragung wissenschaftlicher Ergebnisse in aktuelle gesellschaftliche Kontexte. „Sie stand in Kontakt mit Päpsten, mit Kaiser Friedrich Barbarossa, dem englischen König, der byzantinischen Kaiserin, dem Herzog von Lothringen, dem Grafen von Flandern usw. – also mit den damaligen Verantwortungsträgern auf europäischem Boden.“ Mit einer europapolitisch angewandten Theologie liege die Akademie somit in der Tradition Hildegards. Die Akademie verstehe sich zudem als eine Initiative, die in Rückbesinnung auf die europäische Geistesgeschichte nach Antworten auf die Sinnfrage der Menschen suche. Vor allem gehe es darum, jene Spiritualität zu vermitteln, die der christlichen Glaubenserfahrung eigen sei und der europäischen Mentalität entspreche. Eine solche europäische Spiritualität sei in der benediktinischen Tradition verwurzelt. „Das ist eine Lebensform und Glaubensform, welche Gottesdienst, Studium und Weltgestaltung verbindet“, erklärte Schwester Maura.

Qualifizierte Vernetzung

Sie berichtete, wie der Zufall – oder nach ihren Worten: „eine heilsgeschichtliche Fügung“ – sie im März 2017 bei einer Tagung der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Salzburg dank der Reservierung der Sitzplätze in alphabetischer Reihenfolge mit Monsignore Weninger zusammenbrachte. Er war es, der sie nach einem anregenden Gespräch wenig später mit der Idee einer Akademie-Gründung überraschte. „Ein Österreicher und – wie Sie an meinem Akzent hören – eine Ungarin: Was kann daraus werden? Eben ein europäisches Projekt!“, sagte Schwester Maura. „Und so haben wir miteinander Zielsetzung und Struktur der Akademie konzipiert.“ Äbtissin Mutter Dorothea habe die Gründung der Akademie von Anfang an befürwortet und im regen Austausch zwischen Eibingen und Rom – und natürlich in Wien – habe sich die Idee der Akademie zu einer Realität entwickelt. Bald seien weitere Mitstreiter und Mitstreiterinnen dazu gekommen, „In beherzter Zusammenarbeit haben wir unsere Akademie in ihrer jetzigen Gestalt aufgebaut.“ Im Bereich „Wissenschaft und Forschung“ ermögliche die St. Hildegard-Akademie eine qualifizierte Vernetzung von Wissenschaftlern und rege den Austausch unter Experten an. Dazu sind auf der Homepage www.hildegard-akademie.de zwei Plattformen eingerichtet und sie sind bereits gut frequentiert: „Wissenschaft in Profil“ und „ProjektPanorama“.

„Die St. Hildegard-Akademie braucht Menschen, damit Visionen an diesem Ort Realität werden können. Es liegt an uns und es liegt an Ihnen, was wir aus dieser einzigartigen Verbindung von Charisma und Institution gestalten. Mit dieser Gründungsfeier lade ich Sie herzlich zum Mitwirken in der St. Hildegard-Akademie ein!“

Vielfältige Kulturen

Als Moderator führte Dr. Eberhard J. Nikitsch von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, durch das Programm. Er ist Beauftragter für Bildungsaktivitäten in der St. Hildegard-Akademie und moderierte auch die Beiträge der Grußwort-Redner, zu denen auch der hessische Kultusminister Professor Dr. Ralph Alexander Lorz gehörte. Den Festvortrag hielt der zuvor genannte Monsignore Dr. Michael Heinrich Weninger, Mitglied im Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog beim Heiligen Stuhl und für den Dialog mit dem Islam zuständig. Er ist Ehrenvorsitzender der St. Hildegard-Akademie und stellte seinen Vortrag unter das Motto „Kontemplation und Kampf – Hat das christliche Europa eine Gegenwart?“ Europa ruhe auf drei Säulen: Jerusalem, Athen und Rom, und bei aller Vielfalt an Einflüssen sei nicht zu leugnen, dass Europa ein christlich fundierter Kontinent sei. Heute lebten die Europäer in der längsten Friedensperiode ihrer Geschichte. „Dennoch krankt dieses Europa. Es krankt am Mangel an Selbstbewusstsein seiner Bürger, am Respekt der Politiker vor den Sehnsüchten, Wünschen und Bedürfnissen der Menschen, die sie vertreten sollten“, sagte Weninger. „Europa besteht aus einer Vielfalt von Kulturen, Traditionen, Ethnien, Sprachen und Mentalitäten seiner Bürger. Das Europa der Zukunft ist das Europa der Bürger, der Regionen, der vielfältigen Kulturen und Traditionen und nicht das eines zentralistischen Kolosses. Und es wird trotz allem ein christlich fundiertes Europa bleiben. Es muss sich nur seiner weltanschaulichen und spirituellen Wurzeln und Kraftströme eingedenk sein.“ Europa werde so weit religiös fundiert sein, wie die Akteure in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft selber praktisch-religiöse Menschen seien.

Mit Gesängen der heiligen Hildegard begleitete die Schola der Abtei St. Hildegard die Gründungsfeier. Mit einer Orgelimprovisation von Schwester Lydia Stritzl wurde die Festgemeinde in den Klosterhof „entlassen“, um bei einem feinen Imbiss und einem Glas Wein miteinander ins Gespräch zu kommen. Unter den Gästen waren neben hohen Würdenträgern und Vertretern aus allen Bereichen der Kirche auch Kommunalpolitiker wie Landrat Frank Kilian und Bürgermeister Volker Mosler anwesend. Für den Akademie-Wein „Benedictus“ war Schwester Thekla Baumgart, die Leiterin des Klosterweinguts, verantwortlich: Sie hatte eigens dafür eine besondere 2018er Riesling Spätlese feinherb ausgebaut.

Nach dem Empfang im sonnigen Klosterhof, der sichtlich mit angeregten Gesprächen gefüllt war, luden die Benediktinerinnen um 18 Uhr zur Pontifikalvesper zu Ehren der heiligen Hildegard. Weihbischof Dr. Thomas Löhr stand der Vesper vor und hielt die Predigt. Als Zelebranten begleiteten der Speyerer Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Alt-Abt Franziskus Heeremann vom Kloster Neuburg, Abtpräses Dr. Albert Schmidt von der Beuroner Kongregation, Pfarrer Marcus Fischer und Pfarrer Michael Pauly die Vesper. „Es war uns wichtig, dass die Akademie mit gelebter Spiritualität verbunden ist – in diesem Fall mit dem gemeinsam gefeierten Gottesdienst“, betonte Schwester Maura im Anschluss. „Zudem war die Vesper die Eröffnung der Wallfahrtszeit für die Hildegard-Pilger.“

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