„Das Herz der Welt soll dein Herz tragen“

„Das Herz der Welt soll dein Herz tragen“
Aeham Ahmad gab ein berührendes Konzert mit Überraschungsgästen und Lesung

Aeham Ahmad gab ein beeindruckendes Konzert mit Steve Schofield (Mitte) und Zeljko Crncic.

Walluf. (chk) – Aeham Ahmad, der syrisch-palästinensische Pianist aus den Trümmern, ist inzwischen weithin bekannt, und im vollbesetzten Saal des evangelischen Gemeindehauses hatte sich ein erwartungsvolles Publikum eingefunden, als Anette Wenzel vom Fair Treff Walluf alle zu einem besonderen Abend begrüßte. Ein Solokonzert mit Aeham Ahmad war angekündigt, dazu eine Lesung aus seinem Buch mit Nahla Osman. Das war schon reichlich Stoff für einen eindrücklichen Abend, doch die Erwartungen wurden noch übertroffen, auch bei denjenigen Gästen, die den Musiker schon einmal erlebt hatten.

 

Kurz vor Beginn des Konzerts war bekannt geworden, dass der Saxophonist Steve Schofield den Pianisten Aeham Ahmad begleiten würde und dann kam noch Zeljko Crncic mit Percussion dazu. „I’m so much überrascht too see you here“, kommentierte Aeham Ahmad sichtlich erfreut das Zusammentreffen mit Crncic, und er ließ sich spontan auf das Konzert als Trio ein. Nur wenige Stücke bot er solo dar. Nach jedem Stück, das das Trio gemeinsam spielte, sprang Aeham Ahmad auf und umarmte die beiden Musiker überschwänglich, während das Publikum reichlich Beifall spendete.

Das Konzert bestand aus Ahmads Eigenkompositionen mit arabisch gesungenen Texten und mit gelegentlich anklingenden Einspielungen klassischer Musik von Beethoven, Bach, Mozart oder Debussy. Auch ein deutsches Volkslied gehört zu seinem Repertoire und dazu forderte er das Publikum auf, mitzusingen: „Die Gedanken sind frei.“

Zwischen den Musikstücken las Nahla Osman, Rechtsanwältin aus Rüsselsheim und gebürtige Syrerin, die in Deutschland aufgewachsen ist, aus dem Buch von Aeham Ahmad „Und die Vögel werden singen – Ich, der Pianist aus den Trümmern“, was dem Abend eine erschütternde Tiefe verlieh. Das Buch beginnt mit einem Bild, das um die Welt ging: Aeham Ahmad sitzt inmitten der Trümmer in Yarmouk, spielt Klavier und singt. Yarmouk ist ein Stadtviertel in Damaskus, in dem überwiegend Flüchtlinge aus Palästina und deren Nachfahren wohnen. So wie der staatenlose Aeham Ahmad, der in einer liebevollen Musikerfamilie aufgewachsen ist, Musik und Musikpädagogik studiert und angefangen hat, als Musiklehrer zu arbeiten und gerade einen florierenden Musikinstrumentenladen eröffnet hatte. „Bis der Krieg kam und alles zerstörte. Bis eine Granate mir die Sehne zweier Finger durchschnitt. Bis ein Mädchen neben meinem Klavier erschossen wurde. Bis der IS mein Klavier verbrannte. Bis ich in den Kerker geworfen wurde. Bis ich abhauen konnte“, las Nahla Osman.

In diesem Kapitel bringt er auch das Bild von drei Vögeln ein, die sich auf eine Balkongeländer setzten und zwitscherten, als er sein Klavier in den Trümmern aufgebaut hatte. „Und das war ein kleines Wunder. Jede Granate, jeder Schuss lässt als Erstes die Vögel fliehen (…). Als ich anfing zu spielen, begannen die Vögel wieder zu zwitschern.“ In diesem ersten Kapitel erzählt er auch die Geschichte von Ziad, einem Honigverkäufer aus Leidenschaft, der einen Doktortitel hatte und Ahmad einen Text gegeben hatte, in dem er den Tod seiner hochschwangeren Frau verarbeitet hatte. Sie war auf dem Weg in die Klinik gestorben, weil Soldaten sie am Checkpoint nicht durchließen. „Ich habe meinen Namen vergessen“, heißt das Gedicht, das Aeham Ahmad vertont hat, das unter dem arabischen Titel „Nasitu ismi“ zu seinem Repertoire gehört und auch an diesem Abend zu hören war.

„Das war kein islamistischer Angriff in Syrien“, betonte Nahla Osman in einer eigenen Anmerkung. „Das waren Muslime, Christen, Drusen, Aleviten, Männer, Frauen, gebildete und ungebildete Menschen – sie alle wollten Reformen und haben sich friedlich gegen die Diktatur Assads aufgelehnt.“ Heute sei die Hälfte der 21 Millionen Syrer auf der Flucht. Die verschiedenen Passagen, die sie las, waren Rückblenden auf Ahmads Kindheit, seine Zeit in der Musikschule, wohin sein Vater ihn sechs Jahre begleitete, und auf die Zeit in der Flüchtlingsunterkunft in der Kreissporthalle in Olpe. „Ich dachte: Nun werde ich die nächsten Jahre also in einer Sporthalle wohnen. Manche Flüchtlinge waren enttäuscht, dass sie nach dem großen Willkommen zu monatelangem Warten verdonnert waren. Ich war zufrieden. In Syrien hatten die Flüchtlinge aus dem Irak und dem Libanon auch in Schulen und Moscheen wohnen müssen. Ich hatte gehört, dass an manchen Tagen 10.000 Flüchtlinge in Deutschland ankamen.“ Auf seinen Streifzügen durch Olpe fiel ihm ein Haus auf, das die Musikschule sein musste, und irgendwann in jenen Tagen traute er sich hinein und fragte nach einem Piano. Er traf auf eine Dame, die ihn tatsächlich in einen Raum mit einem Flügel führte. „Ich war so durstig nach Musik, so durstig“, schreibt er und erzählt wie er einige klassische Stücke anspielte und dann seine eigenen Lieder spielte und dazu sang. Die Dame in der Musikschule Olpe hat vermutlich einen gewissen Anteil daran, dass Ahmads Leben schon sehr bald in andere Bahnen geriet, denn einige Tage später wurde er angefragt für ein Konzert in München, bei dem die Sportfreunde Stiller auftraten. Vor 25.000 Menschen spielte er einige Solostücke und trat mit der Sängerin Judith Holofernes auf, deren deutschen Text er auf Arabisch sang: „Das Herz der Welt soll dein Herz tragen, bis Hilfe kommt.“

Für Aeham Ahmad sind viele Träume wahr geworden: Er konnte seine Frau und seine zwei Söhne nach Deutschland holen, er kann seine Familie mit den Gagen aus seinen Auftritten ernähren und hat nahezu jeden Tag einen Konzertauftritt, spielt mit anderen herausragenden Musikern und hat zwei CDs herausgebracht. Die Bilder aus Syrien, die schönen und die grausamen, den Schmerz über einen widersinnigen Krieg und den Verlust eines einst glücklichen und intakten Lebens trägt er mit sich. Er erzählt davon in seinem Buch und in seiner Musik – mit Widerstand, Hoffnung und Zuversicht. Dabei trifft er immer wieder auf großartige Menschen, die ihn auch musikalisch begleiten wie den britischen Saxophonisten Steve Schofield und den blinden Perkussionisten Zeljko Crncic, ein promovierter Wissenschaftler, der Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik war und zahlreiche Arbeiten zu entwicklungspolitischen Themen veröffentlicht hat.

In der Pause und nach dem Konzert kauften viele Gäste CDs und das Buch von Aeham Ahmad, das er gerne signierte und dabei auf Wunsch die deutschen Empfängernamen in arabischen Buchstaben schrieb. In seiner zugewandten und herzlichen Art ließ er sich auf viele Gespräche ein. Er versteht Deutsch sehr gut, antwortet aber auf Englisch, weil er wegen seiner Konzerte zu wenig Zeit findet, um „richtig“ Deutsch zu lernen, wie er meint. Gegen Ende des Konzerts spielte er mit seinen musikalischen Begleitern noch neuere Stücke wie „The Voice of Revolution“ und seine allerneuste Komposition „Dervish“.

Anette Wenzl fasste den Abend in einem Satz zusammen: „Das war nicht nur eine großartige musikalische Leistung, sondern das ging auch unter die Haut.“ Sie dankte Aeham Ahmad und seinen musikalischen Überraschungsgästen, und an Nahla Osman gerichtet, betonte sie: „Das hätte niemand besser lesen können als Sie.“ Der Erlös des Abends geht an einen deutsch-syrischen Verein.

Weitere Artikelbilder:

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 5 (1 Bewertung)

Neueste Kommentare

Musik aus der Zeit des Hattenheimer Geigerkönigs
34 Wochen 6 Tage
Fachwerkhaus beschädigt
38 Wochen 4 Tage
Betrieb im Kindergarten Ranselberg geht weiter
1 Jahr 5 Wochen
60 Menschen verlieren ihren Job
1 Jahr 26 Wochen
Dem Opernsänger Peter Parsch zum Gedenken
1 Jahr 36 Wochen


X