Aeham Ahmad – der Pianist aus den Trümmern in Syrien

Aeham Ahmad – der Pianist aus den Trümmern in Syrien
Erster Stadtrat Werner Fladung und Gerhard Gänsler luden zum Kulturaustausch ins Bürgerhaus

Aeham Ahmad wurde international bekannt als der Pianist aus den Trümmern. Er spielte zum zweiten Mal in Oestrich-Winkel.

Oestrich-Winkel. (ak) – „Willkommen zu Come Together reloaded. Wir wollen, dass die Menschen, die schon länger hier leben, mit denen die neu hier sind, in Begegnung kommen und sich kennenlernen“, begrüßte Werner Fladung, Erster Stadtrat von Oestrich-Winkel und Bürgermeisterkandidat, dass in großer Zahl erschienene Publikum.

Die Veranstaltung „Come Together – Arabisch-Deutscher-Kulturaustausch“ wurde von Thomas Wark, einem bekannten ZDF-Reporter moderiert.

Er versicherte dem amüsierten Publikum: „Keine Sorge, das Programm ist heute so gut, ich werde nicht so viel reden, wie sonst bei Sportübertragungen.“

Den musikalischen Anfang machte die Eltviller Coverband „Take it Easy“. Gerhard Gänsler, Klaus Göddert und Claus Buder spielten auf ihren akustischen Instrumenten Lieder wie den Beatles-Song „Hey Jude“ und Don McLeans „Bye, bye Miss American Pie“.

Der Bassist der Gruppe, Gerhard Gänsler, hatte letztes Jahr, gemeinsam mit Werner Fladung, die Idee zum ersten „Come Together“ Kulturaustausch. Der Erfolg war damals so groß und hatte selbst die Veranstalter überrascht, so dass sich eine Wiederholung anbot. Da die Brentanoscheune dieses Jahr besetzt war, fand das Konzert diesmal im Bürgerzentrum statt.

„Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich die Bilder sehe, wie Aeham Ahmad vor den Trümmern von Damaskus spielte, immer wieder für die Kinder. Letztes Jahr war er hier und das hat uns gefreut, aber es ist zwischenzeitlich viel passiert, er ist ausgebucht. Wir sind geehrt, dass er wieder bei uns ist“, begrüßte Thomas Wark den Künstler, der bereits im letzten Jahr bei dem ersten Come Together Kulturaustausch mit dabei war.

Bekannt geworden ist Aeham Ahmad durch sein Klavierspiel in Mitten der Trümmer des umkämpften Palästinenser-Lagers Yarmouk bei Damaskus. Dort wurde der Künstler 1988 geboren. Sein blinder Vater hatte eine kleine Werkstatt in der er Musikinstrumente herstellte. Dadurch kam Aeham Ahmad zur Musik und lernte seit seinem fünften Lebensjahr Klavier spielen. Zunächst im Konservatorium in Damaskus, später studierte er an der musikalischen Fakultät der Baath-Universität in Homs.

Im Laufe des Krieges in Syrien dezimierte sich die Einwohnerzahl seiner Heimatstadt von vorher 150.000 auf 16.000 Menschen im Jahr 2015. Während dieser Zeit transportierte Ahmad sein Klavier auf einem Anhänger durch die Straßen und trat an öffentlichen Plätzen auf. Videos von diesen Auftritten, häufig vor allem mit Kindern als Publikum, wurden in sozialen Netzwerken geteilt und seine Geschichte wurde international bekannt.

Nachdem Yarmouk im April 2015 von den Kämpfern des Islamischen Staates eingenommen worden war, zerstörten diese sein Klavier und er entschied sich, seine Heimat zu verlassen. Er floh über Izmir, Lesbos und die Balkanroute und lebt seit September 2015 als Flüchtling in Deutschland.

Seine ersten Auftritte hatte er bereits im Oktober 2015 in München. Er spielte dort für Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer. Seither gab er über 200 Konzerte. Er trat in vielen Ländern Europas und sogar in Japan auf.

„Es ist eine gute Situation für mich, ich hatte Glück, aber ich fühle mich schuldig. Ich habe von Deutschland eine Aufenthaltskarte bekommen. Damit habe ich ein Visum für Italien bekommen, konnte in die Niederlande, nach Großbritannien und sogar bis nach Japan fliegen und habe dort Klavier gespielt. Ok, Herr Trump würde mich wahrscheinlich mit der Aufenthaltskarte nicht einreisen lassen, aber die anderen schon.

Danke an die Lady, die nun ihre Position verliert, die gesagt hat „Wir schaffen das“. Viele Flüchtlinge sind gut integriert. Ich spreche kein Deutsch, aber ich bin integriert. Nächstes Jahr lerne ich Deutsch-versprochen!“, erzählte Aeham Ahmad in Englisch, in das er immer wieder deutsche Wörter und Sätze mischte, mit Witz und Charm.

Während er aus seinem Leben berichtete, wurden im Hintergrund Fotos von Syrien und Afghanistan aus den 60er und 70er Jahren gezeigt, Fotos aus einer Zeit in der die Städte noch voll pulsierendem Leben und eleganten Gebäuden waren.

Aeham Ahmad spielte virtuos am Klavier Variationen von Beethovens „Für Elise“. Immer wieder sang er bei Liedern mit und forderte sein Publikum auf: „Please sing with me: Jalaha!“, und die Menschen stimmten ein. Besonders inbrünstig wurde das deutsche Volkslied „Die Gedanken sind frei“ mitgesungen. Dann forderte er das arabisch sprechende Publikum auf, mit ihm auf der Bühne gemeinsam ein arabisches Volkslied zu singen.

Anschließend erzählte der Künstler: „Meine wunderbare Frau, mein Vater und meine Mutter sind bei mir. Für viele andere Flüchtlinge ist es sehr schwierig und sie gehen teilweise in ihr Land zurück, nicht weil es dort wieder besser ist, sondern weil es keine Familienzusammenführung gibt. Sie leiden, weil sie von ihren Familien getrennt sind.“

Letztes Jahr erschien Aeham Ahmads Buch „Und die Vögel werden singen. Ich, der Pianist aus den Trümmern“ in vielen Sprachen und wurde rund um die Welt verkauft. Dr. Daniel Schmicking las einige Passagen aus dem Buch vor. Es handelt von Ahmads behüteter Kindheit in einem noch friedlichen Syrien, von seinem blinden Vater, dem Instrumentenbauer, von seinen Freunden mit denen er durch die Straßen von Damaskus zog. Doch er erzählt auch von den Anfängen der Rebellion, dem Beginn des schrecklichen Krieges und von seiner lebensgefährlichen Flucht nach Deutschland.

Nachdem Dr. Daniel Schmicking das Buch aus der Hand gelegt hatte, spielte er gemeinsam mit Gerhard Gänsler und dem Gitarristen Gerd Vogel in dem neuen Blues-Trio „Artie`s Blues Band“ alte Bluesklassiker auf feinste Weise. Der Name Artie`s Bluesband erinnert an Arthur Schopenhauer, über den Daniel Schmicking promovierte.

An der anschließenden Talkrunde nahm Mostafa Sabagki teil. Er erzählte, dass er demnächst sein Studium in Mainz abschließt und halbtags bei der R+V Versicherung arbeitet. Daneben hat er einen Job in einer Gaststätte, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern.

Rolf Lang schilderte, dass die Philipp-Kraft-Stiftung den Kontakt zwischen Flüchtlingen und Einheimischen fördert, um das Verständnis füreinander zu stärken. Er erzählte, dass er über das Islambild, dass bei einigen Menschen vorherrscht erschrocken ist und dass ihn die Entpolitisierung der Jugend enttäuscht.

Evelyn Frielinghaus, die Koordinatorin zwischen Verwaltung und Flüchtlingshelfern, machte darauf aufmerksam, dass der Stadt Oestrich-Winkel mittlerweile die Flüchtlings-Paten ausgehen, weil die vorhandenen sich auf „ihre“ Familien konzentrieren. Deshalb ist es für die neu hinzugekommenen Flüchtlinge schwierig eine Hilfestellung zu bekommen.

„Ich würde mir mehr konkreter Unterstützung der Arbeit vor Ort wünschen, anstatt teurer Programme, die an den Kommunen vorbeilaufen. Beispielsweise wären Mittel für die Stelle eines Integrationsbeauftragten sinnvoll“, erklärte Werner Fladung.

Die Stadt Oestrich-Winkel hatte in den vergangenen Jahren teilweise 200 Flüchtlinge, die zu ihnen gekommen waren. Der Integrationsbeauftragte der Stadt, Bernd Nungesser, scheidet nächstes Jahr altersbedingt aus.

Anschließend spielte das Folk Duo Irene und Udo Weigel Irish Folk und Musik aus den 60er Jahren.

Dann stellte Kristine Tauch das Buch „Warum wir hier sind“ vor, zu dem auch Ahmad Chaglil seine Geschichte beigetragen hat. Er las sie vor und schilderte, wie er unberührt vom beginnenden Bürgerkrieg vom Schulkind zum Jugendlichen heranwuchs, um mit 17 Jahren selbst Opfer eines Heckenschützen zu werden. Dieses Erlebnis und die Gefahr, dass sein Bruder und er zur Assad-Armee eingezogen werden könnten, hat die Familie dann zur Flucht bewogen.

Der 18jährige Mohammad Moradi aus Afghanistan wohnt mit seinen Eltern und seinem Bruder in einer Flüchtlingsunterkunft in Oestrich-Winkel. Er spielte arabische Liebeslider auf seiner Gitarre und sang dazu.

Zum Abschluss kamen dann nochmals Take it Easy, Artie's Blues Band und Udo Weigel auf die Bühne und ließen den Nachmittag mit Klassikern wie „Knockin' on heavens door“ und „Hey Joe“ ausklingen.

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