„Ein gutes Gefühl, Teil von etwas zu sein“

„Ein gutes Gefühl, Teil von etwas zu sein“
Sayed aus Afghanistan und Nezar aus Syrien machen eine Ausbildung zum Bauzeichner

Teamarbeit (von links): Sayed Hosaini, Christiane Abt, Maik Möhring und Nezar Alzoabi.

Eltville. (chk) – „Wenn man sich Mühe gibt, kann man hier etwas erreichen“, sagt Sayed Hosaini (19) aus Afghanistan. Er macht eine Ausbildung zum Bauzeichner im Bereich Tief-, Straßen- und Landschaftsbau im Eltviller Ingenieurbüro Scheuermann und Martin. Inzwischen ist er im zweiten Ausbildungsjahr und kann seinem neuen Kollegen aus Syrien, Nezar Alzoabi (22), der Mitte August mit der Ausbildung begonnen hat, schon viele Abläufe erklären.

„Es ist schön zu sehen, wenn sich die Auszubildenden gegenseitig unterstützen, Erfahrungen austauschen und sich in den Büroalltag einbringen“, erklärt Christiane Abt, Bauzeichnerin und Ausbildungsbeauftragte. Sie freut sich mit Geschäftsführer Maik Möhring über das Engagement der beiden Azubis, zumal es immer schwieriger wird, passenden „Nachwuchs“ zu finden. „Viele unserer Auszubildenden haben vorher ein Praktikum bei uns gemacht, dabei stellt sich heraus, ob sie für den Beruf geeignet sind.“ Nicht alle bringen die erforderlichen Voraussetzungen mit, vor allem aber gibt es immer weniger Bewerberinnen und Bewerber für Praktika und Ausbildungsplätze.

„Ich wollte gerne in einem Ingenieurbüro arbeiten“, erklärt Sayed, der Anfang 2018 ein freiwilliges Praktikum bei Scheuermann und Martin machte, das ihm bestätigte, die richtige Berufswahl getroffen zu haben. Auch Christiane Abt und die beiden Inhaber und Geschäftsführer, Maik Möhring und Heiko Scheuerling, freuten sich, dem jungen Flüchtling noch während des Praktikums einen Ausbildungsvertrag anbieten zu können. Als 15-Jähriger war er allein nach Deutschland gekommen. Hinter ihm lag eine Flucht mit allen Gefahren und Risiken, wie Hunderttausende sie erlebt – und manche nicht überlebt – haben. Vor einem Jahr durfte seine Familie nachkommen, und nun leben sie zusammen in Wiesbaden-Biebrich. Sayed und sein Bruder, der eine Ausbildung zum Fachinformatiker macht, kümmern sich um die Angelegenheiten der Familie.

Zu Beginn seines Aufenthaltes in Wiesbaden machte er einen zweimonatigen Deutschkurs und besuchte danach die reguläre neunte und zehnte Klasse einer Wiesbadener Realschule, die er mit dem respektablen Notendurchschnitt von 1,7 abschloss. Vor einigen Wochen hat er den Führerschein gemacht. „Herr Möhring und Herr Scheuerling haben das finanziell unterstützt“, berichtet Sayed. Einen Teil der Kosten übernahm das Job-Center. „Auch für Azubis ist der Führerschein von Wichtigkeit, um auf Baustellen oder zu Vermessungsarbeiten zu fahren oder andere Erledigungen zu machen“, erklärt Maik Möhring. „Zur dreijährigen Ausbildung gehören auch 20 Baubegehungen und ein zwölfwöchiges externes Praktikum. Sayed hat schon zehn Begehungen und fünf Wochen Praktikum im ersten Ausbildungsjahr absolviert.“

Vertrag am zweiten Tag

Nezar kam im August über ProJob zu Scheuermann und Martin, um ein Praktikum zu machen, und gleich am zweiten Tag hat Maik Möhring ihm einen Ausbildungsvertrag angeboten. „Schon die Bewerbung für das Praktikum war vielversprechend und zu dem Zeitpunkt hatte gerade auch das neue Ausbildungsjahr in der Berufsschule begonnen.“ „Mein Vater ist Architekt, und es war auch mein Wunsch, beruflich so etwas zu machen“, erklärt Nezar, der zuletzt in Ägypten gelebt hat. Weil er in Syrien das Gymnasium abbrechen musste und es in Ägypten unmöglich war eine Schule zu besuchen, hat er sich auf den Weg nach Deutschland gemacht, wo er vor zweieinhalb Jahren ohne Familie ankam. Er war in Rothenburg, dann in Lorch und ist seit zwei Jahren in Rüdesheim. Auf die Anerkennung seiner Schulzeugnisse wartet er noch. Zwei Jahre hat er intensiv Deutsch gelernt und die B2-Prüfung bestanden. Er freut sich, dass er nun eine Ausbildung machen kann. „Frau Abt hat gesagt, dass wir mit allen Problemen zu ihr kommen können. Das ist ein gutes Gefühl, Teil von etwas zu sein“, betont Nezar. Dem stimmt Sayed zu und ergänzt: „Ich komme jeden Tag gerne zur Arbeit. Für mich ist das Kollegenteam fast wie Familie“

Dass sie wie vollwertige Mitglieder des Teams aufgenommen wurden und dass es keine große Hierarchie gibt, gefällt beiden sehr gut. „Die Azubis machen alles, was ich auch mache“, erklärt Christiane Abt, die selbst schon ihre Ausbildung in diesem Ingenieurbüro gemacht hat. „Dazu gehört es genauso, im Team an anspruchsvollen Projekten mit zu arbeiten und dann auf Baustellen zu sehen, wie die Arbeit in die Praxis umgesetzt wird, wie auch Pläne zu falten, Kopierarbeiten zu erledigen und Akten abzuheften.“ Die Ausbildungsbeauftragte ist beeindruckt von der Höflichkeit, Umsicht und Echtheit ihrer beiden Azubis. „Ich sehe in erster Linie den Mensch, die Herkunft ist nicht von Bedeutung. Es macht Spaß ihnen den Beruf beizubringen. Beide sind in das Team gut integriert und bringen sich auch in die Gesellschaft ein“, weiß Christiane Abt, die gerne auch zuhört, wenn die Auszubildenden über persönliche Erfahrungen und Eindrücke sprechen. So spielt Sayed Fußball in Sonnenberg, will aber bald nach Biebrich wechseln. Außerdem kümmert er sich um Flüchtlingskinder in Erbenheim – als einziger Nicht-Deutscher in einem ehrenamtlichen Team der evangelischen Kirche. Nezar spielt Tischtennis in Rüdesheim und trainiert mit viel Ehrgeiz, um in einer höheren Liga mitspielen zu können. Beide haben sie auch deutsche Freunde gefunden. Nezars Freunde wissen bereits seine arabischen Kochkünste sehr zu schätzen.

Derzeit besuchen beide den Berufsschulunterricht an der Kerschensteinerschule in Wiesbaden. „Weil es nur noch wenige Bewerber für Ausbildungsplätze für Bauzeichner im Tief- und Straßenbau im ganzen Rhein-Main-Gebiet gibt, müssen sie im dritten Ausbildungsjahr in die Berufsschule nach Frankfurt“, erläutert Christiane Abt, die es bedauert, dass das Interesse an dualen Ausbildungen generell sinkt, was sie in ihrer Branche auch spürt. „Aber mit den Auszubildenden, die wir in den letzten Jahren gefunden haben, hatten wir immer großes Glück. Schön ist es für mich und meine Kollegen, die jungen Menschen ein Stück weit auf ihrem Weg zu begleiten und eine berufliche Basis zu schaffen.“

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