Der Rhein bleibt nicht mehr in seinem Bett

Hochwasser-Umleitung führt durch die Weinberge / Container weggeschwemmt

Der Rhein hat die Ufer des Rheingaus weithin in Beschlag genommen.

Rheingau. (sf) – Der Leinpfad am Rheinufer in Oestrich-Winkel stand schon seit dem Wochenende unter Wasser, genauso wie die Unterführungen, aber noch schwappte das Hochwasser nicht auf die B42. Doch der Rhein war nach tagelangem Regen und der Schneeschmelze dabei, aus seinem Bett zu steigen, der Wasserpegel stieg seit Donnerstag mit jeder Stunde. Das Hochwasser drohte dem Rheingau schon am Wochenende. Ab Freitagabend und Samstagvormittag wurde deshalb die notwendige Hochwasserumleitung des Verkehrs eingerichtet.

Die Fähre von Mittelheim nach Ingelheim stellte am Sonntagabend den Verkehr ein. Und alle Einheimischen wussten, was sie erwartet und am Montagmorgen war es dann soweit: Bei 4,60 Meter Pegelstand in Oestrich erreichte das Hochwasser die B42 und schwappte auf die Fahrbahn.Doch für den Ernstfall ist man im Rheingau gerüstet. „Hochwasserlagen im Rheingau sind zwar nicht alltäglich, aber die zu treffenden Maßnahmen sind klar festgelegt und auch eingeübt. Alle für Hochwasserlagen zuständigen Hilfseinheiten im gesamten Rheingau-Taunus-Kreis arbeiten gemeinsam und Hand in Hand, um Gefahr und Schaden für die Bevölkerung abzuwehren“, informierte Landrat Frank Kilian.

Die betroffenen Bereiche am Rhein wurden gesichert. Gewerbebetriebe in der Umgebung wurden vor der möglichen Überflutung ufernaher Grundstücke informiert. Weitere Maßnahmen wie weitere Spundwände seien vorerst nicht notwendig, sollte sich die Prognose von einem Scheitelpunkt bei 4,90 am Pegel Oestrich am heutigen Donnerstag bewahrheiten. Erste Lagebesprechung der Feuerwehren, der Polizei und des Technischen Hilfswerk folgen und weil die Fahrbahn teils unter Wasser steht, wurde die B42 zwischen Hattenheim und Geisenheim am Montagmorgen in beiden Richtungen gesperrt. Die Bevölkerung wurde gebeten, sich an die eingerichteten Umleitungsstrecken zu halten und die gesperrten Uferbereiche zu meiden. Natürlich gab es hier wieder einige Verkehrsteilnehmer, die sich nicht daran hielten und vor allem am ersten Umleitungstag mit unsinnigen „Abkürzungen“ oder Fahrten gegen die Beschilderung oder gar noch durch das Wasser für Unmut und Staus sorgten. Dabei ist doch klar: Für die Dauer der Vollsperrung wegen Hochwasser wird die bekannte Umleitung ausgeschildert. Diese führt in Richtung Rüdesheim über Hallgarten und durch die Weinberge über den Radweg R3 nach Winkel und von dort über Johannisberg nach Geisenheim und Rüdesheim. In Rüdesheim ist die Verkehrssituation ebenfalls nicht einfach: Der gesamte Verkehr in Richtung Stadtmitte läuft über Eibingen, weil die Unterführung Kaiserstraße gesperrt ist. Die Geisenheimer Straße ist im Bereich der Eisenbahnbrücke Einbahnstraße in Richtung Wiesbaden. Aus Richtung Rüdesheim wird die Hochwasser-Umleitung ab der Abfahrt Geisenheim beim Möbelhaus Henrich über die „alte“ B42a durch Winkel, Mittelheim und Oestrich bis zur Abfahrt an der EBS geführt.

Die Hochwasser-Lage in den letzten Tagen hatte sich sehr unterschiedlich entwickelt: Während vielerorts schon vor einer Woche Bäche und Flüsse teilweise massiv über die Ufer getreten waren, war es am Rhein noch ruhig. Und wo sich andernorts die Lage entspannte, spitzte sie sich am Rhein zu. Und es regnete erst einmal weiter. Am Montagabend wurde mit 4,90 Meter am Binger Pegel die Hochwassermarke II erreicht, bei der die Schifffahrt eingestellt wird. Um 18 Uhr stand der Binger Pegel bei 4,85 Meter.Für die darauffolgenden Tage wurden Pegelstände von 5 bis 5,30 Meter erreicht. Der Hochwasserwarn- und Meldedienst informiert über die aktuelle Hochwasserlage, deren Entwicklung und den mutmaßlichen weiteren Verlauf. Die Gefahrenabwehrbehörden und die Anwohner sollen so früh wie möglich über drohende Gefahren unterrichtet werden. Unterschieden wird zwischen drei Meldestufen. Meldestufe I tritt bei stellenweise kleinen Ausuferungen in Kraft, Meldestufe II bei leichten Verkehrsbehinderungen, überfluteten Kellern und der Gefährdung einzelner Gebäude. Die Meldestufe III wird bei außergewöhnlichem Hochwasser ausgerufen, wenn bebaute Gebiete überflutet werden.

Doch soweit kam es nicht. Am Dienstagvormittag stand das Wasser zwar über eine geraume Zeit bei 4,71 Meter in Oestrich. Die Prognose des Hochwassermeldedienstes zeigte jedoch, dass nach einem Höchststand von 4,85 in der Nacht auf Mittwoch der Wasserstand zunächst fallen soll. Der Scheitelpunkt von 4,90 sollte in der Nacht zum Donnerstag erreicht werden. Danach sei die Tendenz fallend bis 4,50 am Donnerstag. Die 48 Stunden Vorhersage war zunächst nicht so positiv gewesen, ursprünglich hatte man am Donnerstag wieder mit steigende Pegelständen gerechnet.

Dass es nun wohl doch nicht soweit kommt, beruhigt viele im Rheingau, denn nicht nur die Verkehrsteilnehmer sind betroffen. So gehen bei den Hattenheimer Fußballern alle Alarmglocken an, wenn der Rhein sich aus seinem Bett erhebt. Nicht nur der Sportplatz wird regelmäßig vom Hochwasser überflutet, vor allem das Vereinshaus haben die Kicker dann immer im Blick. „Früher gab es sogar eine ehrenamtliche Hochwasser-Wache, bei der immer zwei Vereinsmitglieder ab einem bestimmten Pegelstand direkt im Vereinshaus blieben und dort Schäden durch Wasser vermieden“, erzählen die SSVler. Heute hat der Verein mehrere Pumpen im Betrieb, die das Vereinshaus trocken halten sollen. Am Montag allerdings war eine der Pumpen ausgefallen, so dass die Fußballer mit dem Boot zu ihrem Clubhaus fuhren, um die Pumpe in der bereits überfluteten Kabine wieder in Gang zu setzten. Gleich nebenan auf dem Campingplatz nutzte der Container eines Oestricher Bauunternehmers die ausufernden Fluten für einen „Ausflug“. Bis nach Rüdesheim trieb der Container, wurde dann aber von der Wasserschutzpolizei entdeckt, aufgehalten und am Rüdesheimer Weinstrand festgemacht.

Das Hochwasser stets im Blick hatte auch ein Neuanlieger am Rheinufer: Max Schönleber verbrachte einige schlaflose Nächte und arbeitsreiche Tage in seinem Ausflugsrestaurant „Allendorf am Rhein“. Zwar ist das gesamte Areal hochwassersicher konzipiert und gebaut, trotzdem hatte Schönleber das Wasser immer im Blick und sicherheitshalber die schweren Holztische und Bänke, die nicht verankert sind, abtransportiert. „Die Pergola und die Container haben wir auf die von der einstigen Sandverladestelle vorhanden Betonblöcke gestellt“, berichtet er und verweist auf den eigenen Pegelstand, über den sein Grundstück am Rheinufer verfügt. 5,10 zeigte dieser am Dienstagnachmittag an: „Noch gut 20 Zentimeter, bis das Wasser hier überschwappt“, meinte Schönleber.

Kinder und Jugendliche trauern den nun überfluteten Skateranlagen nach: In Eltville könnte man dort zur Zeit höchstens mit Wasserskiern die Betonrampen nutzen, wenn das Wasser nicht so kalt wäre. Doch ein Vergnügen gibt es trotzdem: Auf der B 42 spazieren gehen und dort, wo sonst der Autoverkehr regiert, mit dem Fahrrad und Roller kleine Touren unternehmen – natürlich nur mit ausreichend Abstand zum Wasser.

Wie lange man dieses „Vergnügen“ einer verkehrsfreien B42 zwischen Oestrich und Geisenheim noch nutzen kann und sich der Verkehr noch durch die Weinberge quälen muss, ist vom derzeit unbeständigen Wetter abhängig. Durch einen Polarwirbelsplit und einem sogenannten nachfolgenden „Arktic Outbreak“ liegt Deutschland wohl erst einmal dauerhaft in einer Grenzwetterlage, bei der es im Norden zu kalten Temperaturen mit Minusgraden und Schneefall auch am Tage kommt, während weiter südlich mit milden Temperaturen und kräftigen Regenfällen zu rechnen ist. Bis Mitte Februar soll diese Wetterlage anhalten. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie rechnete deshalb damit, dass die Pegelstände am Rhein auch wieder ansteigen können.

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